der HÖRSPIELer: Interview mit Jens Wawrczeck

Jens Wawrczeck wurde 1963 in Dänemark geboren. Er sammelte bereits mit elf Jahren erste
Hörspielerfahrungen in Astrid Lindgrens "Brüder Löwenherz". Seine Schauspielausbildung absolvierte er
in Hamburg, Wien und New York. Heute lebt er in London und Hamburg.



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DREI ???

Drei Männer vor dem Mikro

Über 17 Millionen Tonträger verkaufte das Quickborner Label EUROPA mit den unverwüstlichen drei ???. Selbst unerfreuliche Lizenzstreitigkeiten um die Jahre 2006 und 2007 hielten die Macher nicht davon ab, vorübergehend unter dem geänderten Titel 'DiE DR3i' weitere Jugendkrimis zu veröffentlichen. Für viele Hörer Teil übriggebliebener Jugenderinnerungen wird inzwischen wieder die Originalserie weiter fortgesetzt, die sich nach wie vor konstanter Beliebtheit erfreut.

Seit 1993 werden die Folgen von deutschen Autoren geschrieben, nachdem die amerikanische Originalreihe "The Three Investigators" (nach Robert Arthur) ab 1989 eingestellt wurde. Die drei Hauptrollen der deutschen Vertonungen sprechen seit 1979 Oliver Rohrbeck (Justus Jonas, 1. Detektiv), Jens Wawrczeck (Peter Shaw, 2. Detektiv) und Andreas Fröhlich (Bob, Andrews, 3. Detektiv).
Wie lange uns der derzeitige Medien-Hype um die drei ???, dem sich anzuschließen selbst der eine oder andere Feuilletonist offenbar nicht widerstehen konnte, noch erhalten bleibt, wird die nähere Zukunft zeigen. Nicht zu unterschätzen ist jedoch vermutlich die Zahl derjenigen Hörspielhörer, die über `harmlose´ Kinder- und Jugendhörspiele (quasi als `Einstiegs-Droge´) ihr Interesse an den `ausgereifteren´ Produktionen öffentlich-rechtlicher Natur entdeckt haben. Dies ist ein schöner Nebeneffekt.

Über die kommerziellen Produktionen hinaus scheint nachhaltig lediglich Jens Wawrczeck dem klassischen 'Radio-Hörspiel' verbunden zu sein. Während man Oliver Rohrbeck viel als Fernseh-Synchronsprecher und Sprecher kommerzieller Hörbücher (nicht zuletzt seiner eigenen bei der erfolgreichen 'Lauscherlounge') wahrnimmt und Andreas Fröhlich mit seinem jugendlich-kumpelhaften Timbre Fernsehwerbung bereichert und ebenfalls zahlreiche Charaktermimen synchronisiert, wirkt Wawrczeck seit über einem Jahrzehnt verstärkt in öffentlich-rechtlichen Hörspielproduktionen mit.


Jens Wawrczeck (Foto mit freundlicher Genehmigung durch ebendiesen) INTERVIEW

Jens Wawrczeck [im Winterhuder Fährhaus]

Wie sah Dein erster Kontakt mit dem Medium `Hörspiel´ aus ?

Ich wußte schon sehr früh, dass ich Schauspieler werden wollte. Darum war ich begeistert als in der fünften Klasse unser Deutschlehrer verkündete, dass der Norddeutsche  Rundfunk Kinder für den Schulfunk suchen würde. Ich spazierte, damals noch ohne das Wissen meiner Eltern, am Nachmittag zum Vorsprechen und wurde genommen. Da war ich ca. elf. Und die darauf folgenden Jahre habe ich mehr oder weniger hinter dem Mikrofon zugebracht, z.B. in Astrid Lindgrens `Brüder Löwenherz´ oder als Mogli im `Dschungelbuch´. Auf der Bühne stand ich das erste Mal 1976, an den Hamburger Kammerspielen. Und Theater ist auch heute noch meine ganz große Liebe, glaube ich. Ich  war ein merkwürdiges Kind, ich hörte weder die Musik der anderen, noch las ich deren Bücher oder sah die Filme, die den anderen gefielen. Es gab immer wieder Zeiten, in denen ich mich selber lieber angepaßter gesehen hätte. Später habe ich dann erfahren, dass das, was mich unterschieden hat, durchaus ein Vorteil sein kann. Zumindest als Sprecher und Schauspieler. Bis ich sechzehn war habe ich eine Unmenge Hörspiele gemacht. Dann kam der Stimmbruch und es wurde etwas ruhiger.

Wie ging es dann weiter ?

Nach dem Abitur war ich in Hamburg auf der Schauspielschule und eines Tages wurde ich einem Regisseur vor die Nase gesetzt, mit dem ich heute noch arbeite und den ich sehr verehre: Hans Gerd Krogmann. So landete ich mehr oder weniger zufällig in der Abteilung `das anspruchsvolle Hörspiel´. In den letzten zehn Jahren habe ich bei Krogmann fantastische Rollen gespielt. Aber in anderen Produktionen habe ich es manchmal auch erlebt, dass hinter den sogenannten anspruchsvollen Texten nichts weiter steckte als heiße Luft; dass ich im Studio saß und teilweise gar nicht verstanden habe, was ich da spreche und auch der Rest der Crew ziemlich ratlos blieb. Das hinterläßt dann einen fahlen Nachgeschmack, weil ich nicht nur das Gefühl habe, einem aufgeplusterten Nichts Leben einhauchen zu müssen, sondern außerdem befürchten muß, dass mir das nicht gelingt.

Kannst Du da Beispiele nennen ?

Es gab Texte, oft sogenannte `innere Monologe´ , die nicht besonders gut, d.h. in diesem Fall schauspielerfreundlich geschrieben waren. Vielleicht bin ich ja auch zu ungeduldig, zu oberflächlich, zu konventionell ...
Ich habe ein Hörspiel gemacht, vor Jahren, zu dem ich nur sehr schwer Zugang fand. Am Abend vor den Aufnahmen habe ich den Regisseur im Hotel getroffen und gesagt: `Ich habe den Text gelesen, aber ich weiß nicht,mit welcher Haltung ich den spielen soll.´ Daraufhin meinte der Regisseur: `Oh, um Himmels Willen !! Überhaupt keine Haltung ! Lassen Sie den Text irgendwie fließen.´. Am nächsten Morgen ging ich ins Studio mit dem Vorsatz, es `fließen´ zu lassen und mir nicht zu sehr den Kopf zu zerbrechen. Manchmal funktioniert so etwas auch sehr gut. Aber in diesem Fall war die Arbeit eine Qual und am Ende habe ich mich bei allen entschuldigt und gesagt, ich hätte das Gefühl, vollkommen versagt zu haben. Daraufhin habe ich vom Toningenieur erfahren, dass fast alle Schauspieler mit einem ähnlichen Gefühl aus der Produktion geschlichen sind.

Kommt so etwas öfter vor ?

Es ist nicht die Regel, aber natürlich frage ich mich ab und zu nach einer Produktion: `Was war das ?´. Es gibt Produktionen, die ein Riesenerfolg werden, wie z.B. 'Raumschiff Titanic' , bei denen es während der Aufnahmen aber extrem schwer ist, der Handlung zu folgen. Da hantiert man dann mit mehreren Manuskripten (Mehrteiler) und nimmt nicht chronologisch auf. Daher ist es schwer, den Überblick zu bewahren, zu wissen `was ist meiner Figur eigentlich in der Szene vorher widerfahren ?´ ... usw. In solchen Situationen ist ein starker Regisseur wichtig. Übrigens: Oft sind gerade die Produktionen ein großer Erfolg, in denen sehr viel weniger Herzblut und persönliches Engagement steckt - Wer weiß, warum? Das kann frustrierend sein.

Wie stehst Du zum Medium Hörspiel ?

Das Hörspiel ist eine Oase in der Medienlandschaft. Dort arbeitet man noch unter vergleichsweise sehr guten Bedingungen, zumindest bei den Öffentlich-Rechtlichen. Dort wird sich bei größeren Produktionen durchaus noch vier bis acht Wochen Zeit genommen. Die meiste Zeit wird allerdings nicht für die Schauspieler, sondern für die Mischung gebraucht. Da es den meisten Schauspielern sehr viel Spaß macht, in Hörspielen mitzuwirken, können auch oft kleinere Rollen mit tollen Leuten besetzt werden.

Fühlst Du Dich dem Medium Hörspiel eigentlich besonders verbunden ? Du hast ja immerhin Deine Karriere mit Hörspielen gestartet.

Genau. Ich habe mit Hörspielen angefangen und ich fühle mich dem Medium sehr verbunden. Das Spannende daran ist, dass es so intim ist.

Intim vom Konsum oder auch von der Mache her ?

Beides. Vom Konsum sicher. Wie oft haben mir Hörer erzählt, sie wären mit einem Hörspiel von mir eingeschlafen (!), besonders die drei ??? werden gerne unter der Bettdecke gehört. Das ist doch schon sehr intim ... . Aber auch die Mache ist intim, weil man so `nah´ am Darsteller ist.
Die Stimme: Es gibt kaum etwas Persönlicheres, finde ich. Auf der Bühne kann man ablenken, schummeln, mit Effekten blenden, sich verkleiden usw. Das Ohr nimmt aber wahr, ob ich wahrhaftig bin, das Mikrofon läßt sich nicht belügen. Auch wenn ich mir nach so vielen Jahren sicher eine gewisse Hörspieltechnik angeeignet habe. Es ist jedes Mal wieder eine Herausforderung. Das Mikrofon ist mein Partner. Es ist, als wäre ich mit einem Geliebten zusammen und würde ihm ins Ohr flüstern. Das Medium Hörspiel hat etwas absolut Erotisches. (lacht)

Hörst Du selbst privat auch Hörspiele ?

Selten. Wenn ich selber mitwirke, werde ich beim Hören sehr ungeduldig. Nach dem Motto: Das hättest Du doch besser machen können !

Wird denn nach wie vor aufwendig produziert ? Nimmst Du Veränderungen wahr ?

Es wird relativ aufwendig produziert. Aber auch in der Hörspielbranche ist Zeit Geld und alles muß schnell gehen. In Berlin habe ich kürzlich für Random House Audio/BMG den Roman `Die Sonne ist eine geniale Göttin´ gelesen, der jetzt als Doppel-CD erschienen ist. Das war ein Pensum von 120 Seiten, die ich in zwei Tagen gelesen habe. Das ist sehr viel. Da ging ich abends nach Hause und hatte einen fusseligen Mund. Und das, obwohl ich eigentlich hart im Nehmen bin. Mir wurde dann gesagt, dass man früher doppelt so viel Aufnahmezeit zur Verfügung gehabt hätte. In solchen Fällen hilft es, gut vorbereitet zu sein und einen Regisseur zu haben, der unterstützt.

Dann bist Du also ein Typ, der durchaus einen Regisseur für Rückmeldungen braucht ?

Irgendwie ja. Im Idealfall ist das jemand, der mir nicht vorschreibt, wie ich etwas gestalten soll, sondern mir zuhört und gemeinsam mit mir auf die Suche geht.

Wie nimmst Du die allgemeine Tendenz in Sachen Hörspiel wahr ? Ist die steigend oder fallend ?

Es wird immer mehr produziert. Besonders in Kooperation mit den Hörbuchverlagen. Alles wird kommerzieller. Leider teilweise auch die Besetzung. Die Verantwortlichen besetzen gerne Fernsehschauspieler, die nicht unbedingt ideal für die Rolle sind, weil sie hoffen, auf diese Weise mehr zu verkaufen. Schwierig ist es auch, dass ein Hörspiel, das zwar von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten produziert, aber anschließend von irgendwelchen Hörbuchverlagen ebenfalls veröffentlicht wird, nicht mehr uneingeschränkt Musiken verwenden darf. Das ist urheberrechtlich problematisch. Einer  meiner Lieblingsregisseure, Hans Gerd Krogmann, der Hörspiele mit vielen Musikzitaten inszeniert, fast wie Opern, ist zu Recht völlig frustriert, wenn ihm solche Handschellen angelegt werden. Das beschneidet die künstlerische Freiheit.

Wie sieht es eigentlich mit Rückmeldungen im Sinne von Publikumsreaktionen aus ?

Ich weiß nicht, was die Hörspielredaktionen tatsächlich an Kommentaren von Hörern bekommen. Wir, die Schauspieler, kriegen das wenig mit. Höchstens gibt es innerhalb der Branche Reaktionen, Komplimente oder auch das Gegenteil.

Ist es denn eigentlich eine Art Referenz, wenn man z.B. zum Fernsehen möchte und man hat vorher Hörspiele gemacht ?

Glaube ich nicht. Beim Fernsehen gilt es manchmal schon als ein Makel, wenn man zuviel Theater gespielt hat. Da heißt es, man sei zu theatralisch.

Wie nimmst Du eigentlich die Einschätzung von kommerziellen Hörspielproduzenten und öffentlich- rechtlichen Realisatoren wahr ? Gibt es da Berührungsängste, oder ignoriert man sich gegenseitig vielleicht sogar vollständig ?

Sicher gibt es auf beiden Seiten Scheuklappen. Die einen halten die anderen für oberflächlich, die anderen die einen für elitär. Als Schauspieler sehe ich das gelassener. Ich versuche, mein Bestes zu geben.

Bist Du eigentlich abonniert auf Krimis ?

Eigentlich nicht. Vielleicht entsteht der Eindruck, weil insgesamt so viele Krimis in den letzten Jahren produziert worden sind. Auch das ist sicher ein Zeichen dafür, dass auch bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten immer mehr danach geschielt wird: Was läßt sich verkaufen ? Was wollen die Hörer hören ?  Schade eigentlich.

Unterscheidet sich denn die Produktionsweise der Privaten und der Öffentlichen sehr voneinander ?

 Ja. Die Öffentlichen lassen sich sehr viel mehr Zeit für Aufnahme und Mischung. Und sie sind auch viel beharrlicher, wenn es darum geht, die Schauspieler zu engagieren, die sie für optimal halten. Letztes Jahr spielte ich abends in Hamburg Theater und stand tagsüber in Stuttgart für die Hörspielfassung von Grimmelshausens `Simplicissimus´ beim SWR vorm Mikrofon.
Das bedeutete, dass ich allein achtmal hin- und herfliegen musste. Diesen Aufwand, und letztlich auch Streß, können sich kleinere, private Firmen gar nicht leisten. Das war selbst für den SWR eine Ausnahme, weil es sich wirklich um eine sehr, sehr aufwendige und große Produktion handelte. Aber wenn ein Regisseur bei den Öffentlichen Dich haben möchte, gelingt es ihm für gewöhnlich, Dich zu bekommen, weil wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt werden. Der Regisseur bei den Öffentlichen ist im Vergleich zu den Privaten sowieso ein enorm wichtiger Mann. Ich würde soweit gehen, zu sagen, dass die Arbeit zwischen Schauspieler und Regisseur bei den Öffentlichen intensiver ist.

Sind die DREI ??? eigentlich die einzigen Hörspiele für Kinder und Jugendliche, bei denen Du mitwirkst ?

Zur Zeit schon, und in dieser Serienform auf jeden Fall. Die DREI ??? sind mit anderen Produktionen auch gar nicht zu vergleichen. Ich mache das jetzt seit über zwanzig Jahren und wenn ich -was tatsächlich häufiger vorkommt- an der Stimme oder am Lachen von DREI ???- Hörern erkannt und angesprochen werde, dann ausschließlich auf eine sehr persönliche, angenehme und liebevolle Art. Die DREI ??? scheinen für viele ein Teil der Jugend zu sein, der gute Teil. Und ohne dass Andreas, Oliver oder ich jemals so etwas geahnt hätten, haben wir eine sehr intime und dauerhafte Beziehung zu unseren Hörern aufgebaut. Das ist insofern überraschend, weil der reine Zeitaufwand, den die DREI ???-Aufnahmen im Jahr für uns bedeutet, relativ gering ist und im Vergleich zu anderen Jobs, Theater usw., kaum der Rede wert.
Ich fühle mich sehr privilegiert, über so viele Jahre dabei sein zu dürfen, aber die DREI ??? sind in meinem Leben als Schauspieler sicher nicht das Wichtigste.

Wie ist Dein Verhältnis zu den anderen beiden Sprechern der DREI ??? ?

Inzwischen kommen Oliver, Andreas und ich sehr gut miteinander aus. Am Anfang war das nicht immer so. Ich war vielleicht ein bißchen eingeschüchtert von den beiden. Heute bedauern wir, dass wir uns nicht häufiger sehen. Wir mögen uns wirklich sehr. Wenn man so viele Jahre zusammenarbeitet, entsteht ein enormes Vertrauen und auch Respekt. Die Aufnahmen sind so familiär, dass wir gerade unsere gemeinsamen Szenen, die in der Zentrale oder auf dem Schrottplatz, nicht als Arbeit empfinden, sondern als Fest. Im Ernst: Ich glaube, dass das die Qualität der DREI ??? ausmacht. Man glaubt uns, dass wir vertraut miteinander sind, dass wir uns mögen, durch dick und dünn füreinander gehen würden und uns wirklich gut kennen, weil es tatsächlich so ist. Nächstes Jahr (2002) wollen wir übrigens mit einer Art Live-Performance auf Tour gehen.

In letzter Zeit gab es ja Irritationen um die Rolle des Peter Shaw, dadurch dass verbreitet wurde, er sei schwul bzw. hätte einen Freund.

Ach herrjeh... ! Wir werden so oft gefragt: `Warum haben die DREI ??? keine Freundinnen ?´ usw.,  dass ich irgendwann mal gesagt habe: `Vielleicht haben die ja was miteinander, wer weiß ?´. Aber mal ehrlich: Ob Peter schwul ist oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle, weil diese Thematik bei den DREI ??? auch keine Rolle spielt. Das Sexualleben von Justus, Peter und Bob ist weitgehend tabu bzw. nicht relevant. Wir lösen Kriminalfälle. Der Rest bleibt der Fantasie der Hörer überlassen. Die ist bunt genug, denke ich.