INTERVIEW MIT HEIKEDINE KÖRTING
Heikedine Körting hat wie kaum jemand das Bild des kommerziellen Jugendhörspiels in Deutschland geprägt. Die von der Juristin
und ihrem Gatten Dr. Beurmann für das EUROPA-Label
entwickelten Serien und Einzeltitel gaben in der Bundesrepublik ab Ende
der 60er bis in die 90er Jahre hinein in Sachen Qualität und Innovation
eindeutig den Ton an. Allenfalls Gruner & Jahr konnten dabei zeitweilig
mithalten. Ein Großteil der Veröffentlichungen dieser neuen
Produzenten verdeutlicht, dass schlüssige Drehbücher, solide
Regiearbeit und professionelle Sprecher, wie sie EUROPA
unter Heikedine Körting und ihren Mitarbeitern über Jahrzehnte
hinweg garantierten, keinesfalls selbstverständlich sind. Die hin und wieder
in diversen Internetforen laut werdende und oft ins Persönliche abdriftende
Kritik an Frau Körting mutet im Hinblick auf ihre Verdienste um das
Medium, das vielen sehr am Herzen liegt, ausgesprochen kleinkariert an. (der HÖRSPIELer:) Der zunehmende Erfolg der EUROPA-Schallplatten fiel zeitlich mit der internationalen sowie der westdeutschen Studentenbewegung zusammen. Auch Sie wurden während Ihres Jura-Studiums in Hamburg mit dem entsprechenden Gedankengut konfrontiert. Haben die linken Ideale der 68er-Generation Sie beeinflusst - beispielsweise in Bezug auf Karriere, Familie und Männer ? (Heikedine Körting:) Ich habe damals einige
Vorteile der Emanzipation registriert ohne jedoch persönlich darauf
angewiesen gewesen zu sein, denn ich kann sehr gut mit Männern arbeiten.
Auch hatte ich als Frau nie das Gefühl des Ausgeschlossenseins nach
dem Motto "Du nicht !". Von meinem Vater bekam ich häufig zu hören
"Kann ich nicht gibt es nicht !" - das galt für Mädchen und Jungen
gleichermaßen, denn ich bin ja mit Brüdern aufgewachsen, also
in einer männlich dominierten Welt. Von Kind an war ich eher ein aktiver
Mensch, weniger ein verspielter oder verträumter. Für Schminken
oder Mode habe ich mich nie besonders interessiert, denn ich habe lieber
selber schaffen und machen wollen. Heute wachsen viele Ihrer jungen Hörer mit nur einem Elternteil auf.
Dieses Nichtaufgehobensein ist sicher schlimm für Kinder. Viele Mütter bilden sich ja ein, dass sie ohne Vater erziehen können - ich bin allerdings der Auffassung, dass ein Vater für jedes Kind dringend dazu gehört. Andererseits: Was sollen die Frauen machen, wenn sie heute zu keinem Partner mehr Vertrauen fassen können, um mit ihm viele Jahre oder möglichst sogar ein ganzes Leben zu verbringen ? Vielleicht sollte man die Unterschiede zwischen Männern und Frauen wieder etwas mehr betonen, damit die gegenseitige Anziehung größer wird und die Partner motivierter sind, Konflikte gemeinsam durchzustehen und den Kindern damit ein Vorbild abzugeben. Denn woher sollen Mädchen und Jungen das Bewältigen von Krisen lernen, wenn nicht von beiden Elternteilen ? Das ist möglicherweise leichter gesagt als getan: Die Zeiten sind nun einmal schnellebig, egoistisch, kommerziell - nach dem Motto `carpe diem´ ... daher gibt es leider auch so viele `Problemkinder´. Ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass ich noch in einer richtigen und behüteten Familie aufwachsen durfte. Neueren Familienmodellen sowie der Aufhebung traditionaler Frauen- und Männerrollen stehen Sie demnach skeptisch gegenüber ? Man sollte Frauen, die es wollen, die Karrieremöglichkeiten nicht verwehren. Aber durch die Fixiertheit auf Beruf und Karriere bringen sie sich auch um sehr viele schöne Dinge für eine Frau: Bevor sie alles selber in die Hand nahmen, brachten ihnen Jungen und Männer häufig mehr Achtung entgegen, was heutzutage ziemlich untergeht. Als ich anfing zu studieren, hatte ich ebenfalls noch Träume von einer eigenen großen Familie. Das war aber leider diese unselige Zeit, in der die Frauen erstmals in der Geschichte -nach Erfindung der Pille- selber über die Familienplanung entscheiden konnten und zunehmend auch mussten - selbst wenn viele wie ich noch weitgehend unerfahren waren. Außerdem galt `frau´ unter Gleichaltrigen als dumm, wenn sie bei einer ungeplanten Schwangerschaft nicht nach Holland fuhr und das `Problem´ beseitigte. Diese Entscheidungen zu Zeiten der `freien Liebe´ hatten ungerechterweise ganz überwiegend die Mädchen und Frauen selbst zu treffen. Für mich war damals klar: Familie oder Karriere, denn ich war und bin der Ansicht, dass Frauen beidem gleichzeitig nicht gerecht werden können. Mein Lebensweg hat mich dann glücklicherweise mit einem Mann zusammengeführt, mit dem zusammen ich schaffen und machen konnte, wie ich es wollte. Und unser Haus ist heute dank einiger Patenkinder, Nichten und Neffen glücklicherweise dennoch selten kinderleer. Und was denken Sie über die jungen Männer von heute
? Die sind meiner Ansicht nach total verunsichert, wissen nicht mehr,
was eigentlich angesagt ist , was von ihnen verlangt wird und tun sich deshalb
verständlicherweise schwer damit, die eigene Rolle zu finden. Mir tun
die jungen Männer leid - ich denke, deren Belastung ist viel größer
als früher. Was das anbelangt, wäre es sicher einfacher, wenn junge
Frauen heute wieder etwas femininer wären. Aber das müssen sie
natürlich selber entscheiden. Ganz generell denke ich - und betone das
auch, wo ich kann - dass beileibe nicht nur ein kleiner Unterschied zwischen
Männern und Frauen besteht. Wertevermittlung z.B. über altbewährte Märchen
sind ja ein `Steckenpferd´ von Ihnen. Funktioniert das auch noch im
Jahr 2007 ? Meines Erachtens, ja. Denn der Zauber von Märchen hat nichts
mit kulturellen Veränderungen zu tun. Er beruht auf `einfachen´,
`ewigen´ menschlichen Bedürfnissen wie Träumen und Erkenntnis.
Darum finde ich es auch sinnlos, Märchen zu `modernisieren´, wie
es vor vielen Jahren Praxis war, als EUROPA mit seinen
konventionellen Märchen-Produktionen erfolgreich auf den Markt kam.
Zu diesen Zeiten, als ich bei der Firma meines Mannes anfing, waren Geschichten
wie `Hänsel und Gretel´ verpönt. Diese wurden von der Konkurrenz
allenfalls in ein modernes Kaufhaus geschickt. Dabei unterschätzte man
allerdings die Fähigkeit der Kinder, die alten Geschichten sehr wohl
in das heutige Leben zu übertragen. Was wurden wir seinerzeit angegriffen
! Märchen waren ja das Hinterletzte ... Der 68er-Generation ist es zu verdanken, dass Zugangsbarrieren
zum Unterhaltungsmarkt über die letzten Jahrzehnte durchlässiger
wurden. Was zunächst die Chancengleichheit für Benachteiligte verbesserte,
hat sich seit den 90ern umgekehrt und zu einer Vulgarisierung der Populärkultur
geführt. Wie denken Sie über neue Medien, wie das Internet, und
den Rückgang der Professionalität im kommerziellen Hörspielwesen
? Mit der technischen Entwicklung der Medien ist das kulturelle Leben natürlich heftig in Bewegung geraten und viele Amateure stürmten die Bühnen. Das war aber nicht wesentlich anders in den Jahrzehnten zuvor. Schon immer wurde das kulturelle Leben durch `unprofessionelle´ Quereinsteiger dennoch belebt. Ich bin letztlich ja selber auch einer und auch immer `unprofessionell´geblieben: Grundsätzlich müsste man wohl Schauspiel, Regie, Tontechnik usw. studieren, um meinen Beruf `ordentlich´ zu betreiben. Habe ich alles nicht - mein Mann ist immerhin noch ausgebildeter Tontechniker. Dennoch habe ich die mir von ihm seinerzeit bei EUROPA gebotene Chance bekommen und auch nutzen können, denn bei den Unterhaltungsmedien ist `Unordentlichkeit´ oft von großem Vorteil, schon wegen der Improvisation oder beispielsweise dem Zulassen des Bauchgefühls. Eine gewisse `Vulgarisierung´ der Popkultur - wie Sie es nennen - gibt es wohl tatsächlich. Aber meiner Ansicht nach hat `Pop´ immer etwas Vulgäres, sonst wäre es kein Pop und hätte nicht diese starke Wirkung. Grundsätzlich bin ich ganz froh, dass es nicht mehr die ungleiche Wertung von klassischer Musik und Unterhaltungsmusik gibt oder die strikte Trennung von Kunst und Kitsch. Wer will schon beurteilen, was gut oder schlecht ist ? Sie beispielsweise müssen das doch tun als Hörspielproduzentin:
Wenn Sie in Ihrem Studio mit jungen Menschen konfrontiert werden, denen der
Zeitgeist sagt `Du musst einen kreativen Beruf ergreifen´, denen aber
leider die hörbare Begabung für das Metier `Schauspiel´
fehlt, dann müssen Sie sich doch auch irgendwie dazu verhalten. Wird
nicht teilweise von der Unterhaltungsindustrie (z.B. bei `Deutschland sucht
den Superstar´) ein unschönes Spiel mit unsicheren jungen Leuten
getrieben, denen niemand ehrlich sagt `Ergreife doch lieber einen Beruf,
der Dir mehr liegt´ ?
Von den Pädagogen wurden Sie wie andere Hörspielmacher
in den 60er und 70er Jahren aber dennoch ignoriert. Freundlich ausgedrückt. Für viele von denen war es bereits eine Provokation, dass ich
stets versucht habe, ehrlich mit den Kindern umzugehen und positive, konstruktive
Stoffe bevorzugte. Schallplatten waren in den 70er Jahren bereits ein enorm
verbreitetes Medium in Westdeutschland, welches man von pädagogischer
Seite eigentlich nicht ignorieren konnte. Aber KEIN Lehrer
wollte sich in der Öffentlichkeit damit auseinandersetzen. Sie ließen
die Kinder die Platten hören, weil sie es nicht verhindern konnten und
waren dennoch der Meinung, die Kleinen verlernten dadurch das Lesen. Dabei
verkannten sie völlig, dass die Kinder damals schon gar nicht mehr richtig
lesen konnten - nicht zuletzt dank der seinerzeit modernen `Ganzwort-Methode´.
Ich hatte damals Kinder bis zu 14 Jahren zum Vorsprechen im Studio, die nicht
einen einzigen Satz ordentlich vortragen konnten. Ich habe häufig versucht,
mich mit Lehrern zusammenzusetzen, um zu sehen, wie man am besten mit der
Medienflut, von der wir ja ebenfalls ein Teil -wenn auch kein schlimmer-
waren, umgehen könnte. Aber ich vermochte niemanden dafür zu gewinnen.
Die Lehrer haben sich die Stücke nie ganz angehört, sondern waren
stets entsetzt wegen der vielen Geräusche, die in unserern Produktionen
zu hören waren und an denen die Kinder Spaß hatten. Frau Körting, vielen Dank für das Gespräch. Fotos und Illustrationen mit freundlicher
Genehmigung durch Heikedine Körting.
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