der HÖRSPIELer





DAS HÖRSPIEL IN DER ERLEBNISGESELLSCHAFT (I)

90 Jahre Hörspiel

Innerhalb moderner demokratischer Gesellschaften stellen Medienstrukturen und Kommunikationsprozesse sowohl für die kulturelle Identitätsbildung als auch bezogen auf ihre ökonomische Relevanz wichtige Faktoren dar, deren Bedeutung im Zuge rasanter technischer Entwicklungen eher noch weiter zunehmen dürfte. Die gerade auch in der Bundesrepublik Deutschland fortschreitende Kommerzialisierung des Programmangebots der Medienlandschaft scheint zugleich das deutschsprachige Hörspiel öffentlich-rechtlicher Prägung wegen seiner verhältnismäßig hohen Produktionskosten, die zumeist mit recht unspektakulären Einschaltquoten verbunden sind, unter verstärkten Rechtfertigungsdruck zu setzen.

Das vermeintlich elitäre nichtkommerzielle Hörspiel sieht sich, nachdem es 2014 sein 90jähriges Bestehen feiern konnte, zu Beginn des dritten Jahrtausends einer beachtlichen Konkurrenz anderer Unterhaltungsmedien ausgesetzt. Es sollte sich daher der gesellschaftlichen Entwicklung einer zunehmenden Erlebnisorientierung der Individuen stellen, wenn es seinen Fortbestand nicht nachhaltig gefährden will.

Radio-weltempfänger Die naheliegende soziologische Fragestellung, welche gesellschaftliche Funktion das moderne Hörspiel übernehmen kann, wird in diesem mehrteiligen Beitrag nicht erörtert. Vielmehr wird umgekehrt nach dem Einfluß gesellschaftlicher Entwicklungen auf Hörspielproduktion und -rezeption abgestellt. Aus diesem Grunde und auch, weil der radiophonen Kunstform `Hörspiel´ die Erlebnisvermittlung an seine Hörerschaft immanent ist, scheint Gerhard Schulzes Konzept der `Erlebnisgesellschaft´ (1) als theoretischer Hintergrund zur Standortbestimmung des bundesdeutschen Hörspiels angezeigt. Dieses Konzept, das Schulze als Anschlußthese zur Individualisierung versteht, wird in diesem Beitrag ergänzt durch die Berücksichtigung neuerer kommunikationssoziologischer Erkenntnisse.

Außerdem wird das neuere bundesdeutsche Hörspiel im Spannungsfeld des von Schulze beschriebenen Erlebnismarktes dargestellt werden. Wenn z.B. Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ vor einigen Jahrzehnten durchaus für sich beanspruchen konnte, ein Deutungsmodell für die Situation der Kriegsheimkehrer geliefert zu haben, stellt sich heute die Frage, ob ein derartiges Hörspiel im gegenwärtigen gesellschaftlichen Rahmen beim Rundfunkpublikum eine ähnliche Orientierungshilfe leisten könnte. Das mag bezweifelt werden. Zum einen mag es daran liegen, dass Hörspielautoren vom Schlage eines Wolfgang Borchert immer seltener werden, zum anderen ist ein der Nachkriegssituation vergleichbar dominantes Thema, das quer durch alle gesellschaftlichen Schichten vermittelbare Relevanz besitzt, nicht auszumachen. Schließlich wäre es aber auch möglich, dass sich die soziale Bedeutung von Kunsterzeugnissen und Medieninhalten in den letzten 50 Jahren in einer Art und Weise verändert hat, die nicht ohne grundlegenden Einfluß auf die Rezeption und Gestaltung von Hörspielen geblieben ist. Auch diesen soziologischen Aspekt des Hörspiels wollen dieser und die folgenden Beiträge mit der Zielsetzung einer Standortbestimmung näher erörtern.



(1)= Vgl. Schulze, Gerhard, Die Erlebnisgesellschaft, Kultursoziologie der Gegenwart, 7. Auflage, Studienausg., Frankfurt a.M./New York, 1997 (1. Auflage, 1992)





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