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F i k t i o n :

Gespräch mit  M. GAIDA

Wer in den Achtziger Jahren unkonventionelle und respektlose Hörspiele hören wollte, der kam auf Dauer nicht an den Stücken von M. Gaida vorbei. Nach großen Erfolgen und diversen Hörspielpreisen wurde es seit Mitte der 90er Jahre recht ruhig um den in Berlin lebenden Autor.
Mittlerweile erleben seine Stücke eine kleine Renaissance: Im Internet stehen seine Klassiker wie `Auf zur Venus´ ganz oben auf den Wunschlisten mp3-tauschwilliger Hörspielfreunde und auch Open-Air-Aufführungen von z.B. `Apocalypso oder äußerst besorgt - zutiefst befriedigt´ können sich über mangelnden Zulauf nicht beklagen.



Warum werden so wenige Ihrer Stücke im Hörfunk wiederholt ? Neben der Tatsache, dass Ihre Hörspiele seinerzeit viele Fans hatten, wurden sie darüber hinaus recht aufwendig und hochkarätig besetzt realisiert. Das würde doch eigentlich die eine oder andere Wiederholung rechtfertigen ?

Ich werde in den Hörspielabteilungen offenbar taxiert als der typische Repräsentant der 80er Jahre. Deswegen bekam ich schon öfter zu hören, meine Stücke seien nicht mehr zeitgemäß. Ich kann das nicht ganz nachvollziehen, denn meine Texte waren damals stilistisch vergleichsweise singulär. Ich wüsste nicht, wer außer mir noch so gearbeitet hätte. Natürlich gibt es im weitesten Sinne Ähnlichkeiten, Näherungen zu einigen wenigen anderen Autoren. Aber in letzter Konsequenz gebrauchte ich für  meine Schreibweise früher eine sehr fragmentarische und von den Anschlüssen her sehr offene Form.

Ein Stil, den man von einigen Vertretern des ehemals `Neuen Hörspiels´  und heute der ` Ars Acustica´  bzw. der `Radio-Art ´ kennt.

Trotz der offenen Form meiner Stücke sind deren Inhalte aber so gut wie ausschließlich auf meinem Mist gewachsen. Ich habe nur ganz selten ab und zu ein Zitat verwendet. Selbst das empfand ich schon als nicht ganz seriös. Ich habe aber damals nicht das getan, was heutzutage in zunehmenden Maße die sogenannte `Radio-Art´  tut, die fremde Texte fleddert, irgendwelche Sounds dazupackt und vielleicht noch 30 eigene Sätze dazukleckert. Wenn dabei wenigstens die Komposition stimmen würde ! Diese Vorgehensweise verachte ich wirklich. Es gibt hier wenige positive Ausnahmen, z.B. Heiner Goebbels. Aber ansonsten ist unheimlich viel Schrott dabei. Das ist leichtsinnig, es ist schamlos - Eben Fledderei: Von Platon bis Rosa von Praunheim. Grotesk !
Es läuft aber unheimlich gut als eigene Kunstform, die vor allem den Vorteil hat, daß man sich damit nicht weiter auseinanderzusetzen braucht, weil es den Duktus des Hermetischen und für sich Autonomie reklamieren Könnenden hat. Den Vorteil kann ich natürlich nachvollziehen: In diesen Kreisen kann man sich gegenseitig auf die Schultern klopfen.


Ein geschlossenes System. Und M. Gaida beteiligt sich nicht an diesem gegenseitigen Schulterklopfen ? Er will nicht, er darf nicht ?

Ontologisch sitze ich sozusagen zwischen den Stühlen: Auf der einen Seite die Radio-Art, auf der anderen die eher klassischen Hörspiele, die im wesentlichen Bearbeitungen sind. Dazwischen gibt es wirklich kaum etwas.
Für mich bestand in den letzten Jahren das Malheur darin, dass ich meine Stücke teilweise den Radio-Art-Leuten anbieten musste, weil ich nicht wusste, wer sonst für mich zuständig sein könnte. Die haben dann aber wiederum gemeint, meine Stücke wären ihnen zu konsistent bzw. zu `textlastig´ (!). Von klassischer Hörspielseite hieß es hingegen, meine Texte seien zu verwegen bzw. zu frei. Ich wurde also hin- und hergetrieben zwischen diesen beiden Polen. Zusätzlich wurden an meine Arbeiten Maßstäbe angelegt, die abenteuerlich waren, weil wohl auch eine enorme Erwartungshaltung mir gegenüber existierte. Das hält ein Künstler auf die Dauer nicht aus.

Dass Autoren alleine wegen des Formalen vom Hörspielgeschehen ausgeschlossen werden, dürfte in einem ausdifferenzierten Hörfunksystem ja eigentlich nicht vorkommen ...

Ich hatte gedacht:  `Da muss doch ein Plätzchen für mich vorhanden sein, eine Nische´. Aber es war wirklich wie verhext ! Früher habe ich mich darüber aufgeregt. Jetzt bin ich ruhiger geworden.

Wie wurden Ihre neueren Texte denn inhaltlich aufgenommen ?

Ich registriere in den Massenmedien leider einen enormen Konservatismus, der sich meiner Meinung nach vor allem in der Unaufgeschlossenheit bezüglich gewisser wichtiger Themen manifestiert. Es gibt z.B. eine positivistische, eine oft an Dummheit grenzende Wissenschaftsgläubigkeit, die schlimm ist. Hierbei steht ideologisch ausschließlich die angewandte moderne Technik im Vordergrund; Die theoretisierende und Fragen aufwerfende Wissenschaft hingegen wird nahezu völlig ausgeklammert.

Und mit diesen Werthaltungen kollidieren Ihre neuen Stücke ?

Momentan beschäftige ich mich mit historischen Chronologie- Revisionen, dem `erfundenen´ Mittelalter, Katastrophentheorie und vor allem der Ufo-`Thematik. Gerade, wenn man es im historischen Rückblick betrachtet, sind Ufo-Phänomene hochinteressant. In der Geschichte wimmelt es ja nur so von Hinweisen auf außerirdische Besuche auf der Erde ! Und gerade beim Ufo-Thema kommt bezeichnenderweise leider wieder dieser positivistische Ansatz in den Massenmedien zum tragen, welcher sich oft durch Häme gegenüber allem, was von der Norm abweicht, auszeichnet.

Wäre denn Ihrer Meinung nach ein Publikum für Ihre Themen vorhanden ?

Ich denke, schon. Ich komme nur leider an den Gatekeepern der öffentlich-rechtlichen Hörfunkstationen nicht vorbei, die diese Inhalte nicht haben wollen. Auf der einen Seite sind sie zwar auch experimentierfreudig; Aber eben nur dort, wo es unverbindlich ist, also vor allem bei der `Radio-Art´. Ansonsten gibt es eine ideologische Barriere, die ich mit meiner Arbeit leider nicht überwinden kann. Auch einige bitterböse Briefe haben hier nicht helfen können. Da geht nichts. Das musste ich einsehen.

In Ihren vertonten Hörspielen wird die Ufo-Thematik meiner Erinnerung nach nirgends explizit behandelt. Obwohl Ihre Stücke formal ja immer irgendwie in die Science-Fiction-Richtung tendierten. Titel wie ` Auf zur Venus´ (1982) oder ` Apocalypso´  (1983) legen hierfür Zeugnis ab.

Doch, diese Dinge kamen in meinen Hörspielen vor. Ich bin zwar nie ganz deutlich geworden, aber sie müssten eigentlich in Form von Parallelen zu spüren gewesen sein.
Und in meinen neueren Texten, die natürlich nicht veröffentlicht wurden, behaupte ich  -Stichwort `Technikhörigkeit´-, dass der Mensch aufgrund unleugbarer metaphysischer Bedürfnisse dazu bereit sein wird, sich der Maschine zu unterwerfen. Als Maschinensymbiont, Cyborg ... etc. Das wird teilweise heute schon enthusiastisch medial zelebriert.

Insbesondere Ihre Science-Fiction-lastigen Stücke erfreuen sich mit dem Aufkommen moderner Verfahren zur Datenkomprimierung in Internet-Tauschzirkeln von Hörspielfreunden seit einiger Zeit großer Beliebtheit. Freut Sie das ?

Natürlich. Dass bei diesen Internetgeschichten der Urheberschutz der Autoren aber auch anderer an der Produktion von Hörspielen beteiligter Personen weitgehend auf der Strecke bleibt, ist mir persönlich ziemlich egal. Ich bin kein Vertreter des rigiden Copyright. Diese Einstellung ist zwar manchmal defaitistisch und selbstzerstörerisch - Aber grundsätzlich sind wir doch alle nur Medien, die Einfälle und Intuitionen haben. Das sind immer nur Dinge, die in uns eintreten, durch uns hindurch finden usw. Eine sozusagen egalitäre Veranstaltung, weswegen meiner Meinung nach bezüglich kultureller Inhalte niemand wirklich sagen kann `Dies oder jenes ist meins.´ Es läuft zwar in der Praxis tatsächlich trotzdem so ab, insbesondere vorangetrieben durch Amerika und den Kapitalismus, aber letztendlich ist das in meinen Augen ein Witz: Wir alle haben Teil an einem großen Zirkus, wobei wir aber lediglich Empfänger sind. Diese Metapher mit den Radioempfängern habe ich ja z.B. auch in `Auf zur Venus´ thematisiert.

Durch die mp3-Tauschzirkel wird ziemlich deutlich, dass Sie auch heute noch Fans haben.

Wenn es überhand nimmt mit dem Personenkult, wird er mir aber auch schnell unheimlich ! Obwohl es dabei natürlich auch immer wieder mal zu witzigen Geschichten kommt: Man hat mir z.B. mal von einem Psychiatrie-Insassen erzählt, der als Abschiedsgeschenk anlässlich seiner Entlassung allen Mitarbeitern der Anstalt eine Kassettenkopie von meinem Stück ` In der Assoziatrie´ (1982) gezogen hat, weil er sich darin wohl ein Stück weit wieder erkannt hat. So etwas bauchpinselt natürlich.

Ihre Hörspiele bewegen sich oft ebenfalls in mentalen Grenzbereichen. Ist das vielleicht auch biographisch bedingt, lässt das Rückschlüsse auf den Autor M. Gaida zu ?

Mit Sicherheit. Ich gebe gerne zu, dass die vielfältigen Erfahrungen, die ich in den 60er Jahren mit den unterschiedlichsten Drogen gemacht habe, meine Stücke nachhaltig beeinflusst haben dürften. Im positiven Sinne, wie ich meine.
Das im Zusammenhang mit Bewusstseinserweiterung wichtige Phänomen der Wiederholung half mir z.B., in meinen Hörspielen einen Akzent auf semantische Indifferenzen zu legen, die in Verbindung mit relativ starken musikalischen Elementen wiederum die positiv/negativ-Ambivalenzen bei Figuren unterstreichen können. Dies macht die Personen für Hörer natürlich interessanter. Das Hörspiel ist diesbezüglich glücklicherweise ein Medium mit einer großen Offenheit, das assoziative Verknüpfungen z.B. zwischen Text und Musik fördert und sich gut gegen überbordende Konventionen schützen kann.
Kurzum: Nach einem guten Hörspiel darf der Hörer am Ende nicht mehr wissen, ob er danach ein Würstchen essen oder das Flugzeug nehmen soll.


Abschließend noch die unvermeidliche Frage nach dem Einfluss der Gesellschaft auf das moderne Hörspiel ...

Wir erleben momentan meiner Ansicht nach kulturell eine restaurative Phase. Die Menschen sind verunsichert über unklare Frontlinien, die quer durch die Gesellschaft verlaufen. Dies fördert nicht zuletzt das Bedürfnis der Hörer nach konventionellen Hörspielen, am liebsten mit Happy End. In der Sprache beobachte ich hierbei eine Dichotomisierung in schwarz und weiß. Diese Schablonisierung geht natürlich auf Kosten von Zwischentönen.
Die Grenzen des experimentellen Bereichs, der auf die Vertreter der `Radio-Art´ beschränkt bleibt, sind heute klar abgesteckt. Das Hörspiel ist daher reduziert auf konventionelle Stücke einerseits und `Radio-Art´-Beiträge andererseits. Mischformen scheinen die Hörspielverantwortlichen ihren Hörern nicht zumuten zu wollen.


Herr Gaida, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.






w i c h t i g :

Die Besucher dieser Internetseite werden darauf hingewiesen, dass oben stehende Gesprächsniederschrift als fiktiv anzusehen ist.

Hartmut Lühr
  (Berlin, 2006)


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