Erinnerungen an Abortive Gasp
Das experimentelle Musiklabel 'Harsh Reality Music' aus Tennessee erinnerte kĂŒrzlich an seine kurzlebige Hamburger Band ABORTIVE GASP, die vor genau drei Jahrzehnten begann, planlos aber treffsicher Synthesizer zu maltrĂ€tieren. Sie tat dies nur ein Jahr lang, aber die kleine musikalische Nische, die sie damit Ende der 80er Jahre besetzte, blieb noch lange Zeit leer.
Der 19jĂ€hrige SĂ€nger und Provokateur Tim Paal und der 18jĂ€hrige Composer Harry Luehr gingen ihr musikalisches Projekt so demonstrativ sorglos und unbekĂŒmmert an, dass man sie wohl zu Recht fĂŒr ignorant, dilettantisch und apolitisch hielt, aber keinesfalls fĂŒr angepasst - wenigstens das! Man hört es heute noch in einigen ihrer Songs von 1988/89. Deshalb lohnt sich das Erinnern, denn manche meinen ja, die alternative Electro- und EBM-Szene neige ein wenig zur Indifferenz, besonders was politische 'Haltung' anbelange.
Trotz wenig ausgeprĂ€gter Disziplin brachten es ABORTIVE GASP in etwas ĂŒber einem Jahr auf drei Longplayer: 'Raw Scent', 'The Second Crack' und 'Bullfrog'. Am meisten Airplay in den USA, Benelux und Australien erhielten die Titel 'Psychgod', 'Media Overload' und 'Humanity', die seit kurzem remastered durchs Netz geistern. Die Resonanz in Deutschland, wo sie einige Auftritte in Hamburger Clubs wie dem Kir und dem Stairways hatten, blieb allerdings trotz internationalen Kritiker-Wohlwollens gering.
Das abrupte Ende der Band mitten in der Einheitseuphorie des Winters 1989/90 mag man musikalisch bedauern, aber unter einem anderen Aspekt sollte man froh darĂŒber sein: Wenn man Texte und Haltung der blutjungen Hamburger betrachtet, könnte man vermuten, dass ABORTIVE GASP mit ihrem Ăberstrapazieren der Kunstfreiheit heute nicht auf der richtigen Seite stĂŒnden, die Minderheiten sensibel behandelt. Was ihnen zum Islam oder #MeToo einfallen wĂŒrde, möchte man lieber gar nicht wissen.
Paal und Luehr zelebrierten musikalisch eine unverhohlen maskulistische JungmĂ€nnerwelt - und das auĂerhalb des Hiphop sowie ohne Migrationshintergrund oder homosexuelles Alibi.
Deshalb lohnt sich der kritische RĂŒckblick auf ABORTIVE GASP, um junge Bands zu warnen: 'Wenn ihr gegen den gesellschaftlichen Konsens anrockt, dann wird euch nur ein kurzes Dasein beschieden sein. DafĂŒr werden Presse- und Medienkonzerne sorgen - und das ist gut so !'
Gerade die alternative Electro-Szene sollte sicherstellen, dass mÀnnlichkeitsbejahendes musikalisches Auftreten als Ausgleich immer auch mit einem demonstrativ friedlichen und toleranten SelbstverstÀndnis einhergehen muss.
Jugendkulturen sehen sich heute nicht mehr automatisch im Widerspruch mit an den Schulen vermittelten Inhalten oder mit der Regierungspolitik. Gerade dann, wenn sich wie in der Bundesrepublik PĂ€dagogen und Politiker glaubhaft der Vielfalts- und Willkommenskultur verschrieben haben. Nicht umsonst sehen sich linksorientierte Bands wie FEINE SAHNE FISCHFILET offiziell vom BundesprĂ€sidenten unterstĂŒtzt. Auch die alternative Electro-Szene muss sich aktiv fĂŒr Europa, Antirassismus und gegen Sexismus einsetzen. Sie darf sich nicht elitĂ€r absondern.
Musiker wie Tommi Stumpff oder Till Lindemann, Bands wie In Extremo oder Tanzwut, Magazine wie Ohrkus oder Sonic Seducer, Clubs wie Kir oder Nuke und Festivals wie Mera Luna oder Plage Noir sind aufgerufen, sich darĂŒber bewusst zu werden, fĂŒr welche politische Haltung sie innerhalb der Goth- und Darkwave-Szene stehen und wie sie DiversitĂ€t glaubhaft leben wollen. Wenn schon nicht in Farbe, dann zumindest in schwarz und vielen verschiedenen Grautönen.
Quertreiber und vermeintliche Freidenker wie ABORTIVE GASP gehören aus gutem Grund lange der Vergangenheit an - ihr einzig gelungener Abbruch bestand im eigenen Verstummen.

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