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Interview
 

NISCHE GEFUNDEN 

Wenn Hörbuchfreunde beim Sichten der hr2-Bestenliste in letzter Zeit immer häufiger auf Veröffentlichungen des Verlages voices editionen stoßen, so liegt dies vermutlich weniger an einer marktbeherrschenden Stellung der kreativen Hamburger, als vielmehr an deren ambitionierten Produktionen. Mit sechs Neuerscheinungen -von Anne Sexton bis Vladimir Nabokov- erweitert der junge Verlag im Frühjahr ´99 sein Programm für literaturinteressierte Hörer, von denen er wohl bei seiner Gründung selbst nicht erwartet hatte, daß sie so zahlreich auf die inzwischen 18 Titel seines Hörbuch-Sortiments zurückgreifen würden.
Die durch die Bank positiven Reaktionen von Fachwelt, Presse und Hörern auf das Programm des seit 1997 im Hörbuchbereich vertretenen Verlages legen den Schluß nahe, daß es seinen Geschäftsführern Vlatko Kucan und Wolfgang Stockmann gelungen ist, eine Produktnische im wachsenden Markt der Literaturvertonungen auszufüllen.

Interviewfoto von Stefan NickelsInterviewfoto von Stefan Nickels
Kennengelernt hat der Theaterregisseur Stockmann den Komponisten und Musiker Kucan während einer Hörproduktion in Kucans Altonaer Aufnahmestudio, wobei beide merkten, daß sie gut zusammenarbeiten konnten.
Das Verlagsprogramm ist in 5 Schwerpunktreihen unterteilt: Autorenportraits, aktuelle literarische Highlights, abendländische Philosophie, Autorenlesungen sowie literarisch-musikalische Hörstücke sorgen dafür, daß man diesen respektablen Verlag, was die Ausrichtung seines Engagements angeht, nicht so ohne Weiteres in eine Schublade packen kann.
Zugestehen muß man den Kreativen der voices editionen zweifellos eine glückliche Hand, was die Besetzung der Schauspieler für die Interpretation der jeweiligen literarischen Vorlagen angeht. Zu nennen wären hier u.a. bewährte Namen wie Hannelore Elsner, Barbara Nüsse, Ulrich Tukur und Matthias Fuchs. Das mit dem NDR koproduzierte Hörspiel „Ich bin wie ein lebender Stein“ von Anne Sexton (mit Corinna Harfouch) beweist zudem, daß auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Inszenierungen des Hamburger Verlages zu schätzen weiß.
Der Verlagsslogan „So gut haben Sie Literatur noch nie gehört“ soll an dieser Stelle zwar nicht uneingeschränkt bestätigt werden - Daß die voices editionen diesem Ideal immer wieder erstaunlich nahe kommen, bleibt dennoch kaum zu überhören
 

FRAGE: Die voices editionen leben sicher nicht zuletzt auch vom Engagement bekannter Schauspieler, die für sie sprechen.
KUCAN:  In den 2 ½ Jahren, die wir jetzt mit unserem Verlag dabei sind, ist schon fast eine kleine Fangemeinde unter den Schauspielern, mit denen wir arbeiten, entstanden. Schauspieler, wie Ulrich Tukur oder Matthias Fuchs arbeiten z.B. zu Freundschaftskonditionen für uns, weil sie von der Sache überzeugt sind und weil ihnen die Arbeit genauso viel Spaß macht wie uns.
STOCKMANN: Uns kommt es natürlich zugute, daß es gerade für Schauspielerinnen wie Hannelore Elsner oder Hanna Schygulla, die ja nicht jeden Tag für den Hörfunk bei einer Produktion mitmachen, weil sie sonst einfach andere berufliche Interessen haben und sehr viel im Filmgeschäft unterwegs sind, eine sehr interessante und auch angenehme, kreative Ergänzung ist zu ihrer gutbezahlten Fernseharbeit, wo sie einfach oft Routiniers sind. Ich glaube, das hat bei den Schauspielern auch sehr viel mit Lust zu tun. Für den einen oder die andere ist es auch eine Herausforderung, hin und wieder bei so ganz anderen literarischen Projekten mitzuwirken.
FRAGE: Herr Stockmann, Sie kommen vom Theater. Erleichtert Ihnen das die Suche nach geeigneten Schauspielern für Ihre Produktionen ?
STOCKMANN: Nicht unbedingt. Das Phänomen an dem Mikrophon, das in unserem Aufnahmeraum steht, ist ja, daß es sehr viele Schauspieler gibt, die auf der Bühne wunderbar sind - Doch sobald sie vor diesem Ding stehen, kann man bei manchen das Gefühl bekommen, sie hätten gestern gerade erst die Schauspielschule verlassen. Sie können einfach das, was sie in ihrer Ganzkörperlichkeit und in ihrer gesamten Persönlichkeit auf der Bühne präsentieren, nicht mit ihrem rein sprachlichen Handwerkszeug vermitteln. Natürlich haben wir auch in dieser Hinsicht schon das eine oder andere Lehrgeld bezahlt.
FRAGE: Ist Ihnen die Vorstellung behaglich, daß ihre Produktionen vielleicht hier und da auch einfach nur im Autoradio konsumiert werden, um nach amerikanischem Vorbild Zeit totzuschlagen ?
Interviewfoto von Stefan Nickels | H. Lühr, S. Kohl, V. Kucan, W. Stockmann (1999) STOCKMANN: Das ist für mich überhaupt keine Horrorvorstellung. Die Leute sollen unsere Produktionen hören, wo ihnen eben gerade der Sinn danach steht. So ein Hörspiel im Auto anzuhören, kann natürlich auch sehr gefährlich sein. Wenn es gut gemacht ist, zieht es sehr viel Aufmerksamkeit auf sich. Wenn dann einer wegen einer Hörproduktion gegen den Baum fährt, dann war sie eben einfach gut.
FRAGE: Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Medienlandschaft ?
KUCAN: Es gibt für mich deutlich zu beobachten Gegenbewegungen zum visuellen Terror, dem wir überall ausgesetzt sind. Es gibt natürlich auch einen akustischen Terror, den man auch nicht unter den Tisch fallen lassen darf. Den finde ich fast noch schlimmer, denn man kann eben die Ohren nicht so einfach zumachen wie die Augen . Es gibt kaum öffentliche Räume, in denen man nicht mit irgend etwas berieselt wird. Das geht dann einfach alles zu Lasten eines bewußten Hörens. Wer erzählt einem bei der zunehmenden akustischen Umweltverschmutzung durch die Medien denn heute noch wirklich etwas ? Ich sehe da unsere Produktionen auch als Teil dieser Gegenbewegung zur „verbal hysteria“.
STOCKMANN: Gerade Jugendliche z.B. haben einfach eine geringere Hemmschwelle dem Medium Kassette als dem in ihren Augen mit bürgerlichem Kulturgut überfrachteten Buch gegenüber. Das ist jetzt eine Generation, die ganz selbstverständlich mit dem Walkman aufgewachsen ist. So machen dann aber Hörproduktionen über diesen kleinen Umweg auch durchaus junge Leute neugierig darauf, das entsprechende Buch zu lesen. Gerade Produktionen für Jugendliche sind für uns durchaus Neuland, aber eben auch ein sehr spannender Bereich.
FRAGE: Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Verlages ?
STOCKMANN: Im Buchhandel wird sich die nächsten 10 Jahre sehr viel verändern. Ob die Buchpreisbindung nun fallen wird oder nicht, wissen wir nicht - Angenommen, sie würde fallen, würde sich sicher auch für uns sehr viel verändern in Richtung einer Polarisierung des Marktes, die für den Hörbuchmarkt sicher genauso gilt wie für den Buchmarkt. Bei starken Polarisierungen in Groß- und Kleinauflagen haben inhaltlich und künstlerisch attraktive Produktionen sicher weniger Chancen, überhaupt an den Kunden zu kommen. Große Konzerne denken einfach in ganz anderen Dimensionen, fokussiert auf wenige Titel. Dadurch entsteht dann eine gigantische Flut an Megasellern, wobei es bei den jetzigen Veröffentlichungen kleinerer Verlage ja für uns gerade das Angenehme ist, daß es sich bei den meisten Produktionen um ausgesprochene Longseller handelt. Die gehören nicht gleich ein halbes Jahr nach Erscheinen zu den alten Kamellen, sondern tragen sich durchaus über einen längeren Zeitraum.
Der Hörbuchbereich ist heute eine attraktive kleine Nische für Verlage. Aber es bleibt eben im Moment immer noch eine Nische, das sollte man sich auch immer wieder vor Augen halten in Anbetracht der ganzen gegenwärtigen Prozent-Euphorie bezüglich steigender Absatzzahlen.
 

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