der HöRSPIELer - Informationen über das Königsmedium



MARKETING

Eurovision der Hörspielpein

Die Lauscher-Lounge des bekannten Sprechers Oliver Rohrbeck bringt ein Episoden-Hörspiel der jungen und fleissigen Autorin Johanna Steiner heraus. Dem Vernehmen nach handelt es sich bei `übernacht´ endlich einmal um ein politisch korrektes Werk, für das man Gender-Mainstreaming und Multikulti nicht erst mühsam einfordern muss, sondern für das diese zivilisatorischen Errungenschaften ein Selbstverstand sind. Die vom KulturSPIEGEL hochgelobte und im VIMEO-Video vom Habitus her stark an die Erfolgsautorin Charlotte Roche erinnernde Johanna Steiner wirkt, als sei sie in ihrer nicht allzu lang zurückliegen könnenden Schulzeit immer schon Klassenbeste gewesen, daher darf man sich zu Recht auf ihr neues Hörbuch freuen.

Von Berlin nach Wien: Damit der HÖRSPIELer nicht immer nur als `Mecker-Postille´ in Erscheinung tritt, möchten wir an dieser Stelle positiv hervorheben, dass wir uns über die Annäherung des vermeintlich elitären öffentlich-rechtlichen Hörfunks an die modernen kommerziellen Hörbuchverlage freuen. Letztere verlässliche Lieferanten von jeder Menge Crime- und Horror-Hörbüchern haben ja bereits seit einem Jahrzehnt den witzigen Brauch kultiviert, auf den Covern ihrer Produkte mit der Nebentätigkeit ihrer Synchronsprecher bei US-Kino-Verfilmungen zu protzen, obwohl dies in der Regel herzlich wenig mit den konkreten Produktionen zu tun hat, worüber unwohlgesonnene Schreiberlinge leider auch auf dieser Internetseite seinerzeit anmerkten, diese unsachliche Bewerbung ähnele ein wenig dem sprichwörtlichen `Schmücken mit fremden Federn´ und sei genau genommen armselig beziehungsweise peinlich. Der ORF geht nun allerding in diesen Tagen für die deutschsprachigen Öffentlich-Rechtlichen einen Schritt vor und bewirbt seinerseits seine Sendung des Hörspiels "Schnee" von Bernd Bechtloff und Dietmar Tauchner in ganz ähnlicher Weise: Das Stück als solches scheint derart belanglos zu sein, dass man die ebenfalls mitwirkenden Darsteller Daniela Zimper, Barbara Schwiglhofer und Blixa Bargeld, Sänger der "Einstürzenden Neubauten", offenbar abwerten muss durch den Hinweis "auch bekannt als Synchronstimme von George Clooney" für den Sprecher Detlef Bierstedt. Wir sind fest davon überzeugt, dass bald auch die Hörfunkanstalten der Bundesrepublik diesen witzigen neuen Marketing-Brauch übernehmen werden.




ERFREULICHES

Gratulationen an Bendokat, Bohn und Pollesch

der Prater - eine Spielstätte der Berliner VolksbühneDer 'Theaterpreis Berlin' geht 2010 an die Schauspielerin Margit Bendokat, der damit herausragende Verdienste um das deutschsprachige Theater bescheinigt werden. Wir schließen uns den Glückwünschen für die mit 20000 Euro dotierte Auszeichnung an und weisen zusätzlich darauf hin, dass Margit Bendokat, die sich mitunter noch schräger anhört als das Berliner Boulevardtheater-Original Edith Hanke, auch eine wunderbare Hörspielsprecherin mit außergewöhnlichem komödiantischen Talent ist, was sie immer wieder in skurrilen Auftritten unter Beweis stellte, wie z.B. in 'Monis Männer' von Oliver Bukowski, 'in der Bibliothek' von Jost Nickel oder 'Nachklang' von Guido Gin Koster.

Dem Musiker Carsten Bohn wurden nach langem Rechtsstreit 61 goldene und 4 Platinschallplatten für seine Hörspielmusiken beim Europa-Label verliehen. Das ist eine ziemlich ungewöhnliche Angelegenheit. Nicht wenige Fans der Europa-Serie 'Die drei Fragezeichen' sind der Ansicht, dass die erfolgreichste deutsche Hörspielreihe ohne die Musik von Bohn niemals den Erfolg hätte haben können, der bis heute anhält und der auch die Hauptsprecher Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich zu Berühmtheiten der Szene machte. Aber wer solche verqueren Ansichten vertritt, geht vermutlich auch fälschlicherweise davon aus, dass die 'drei Fragezeichen'-Serie lediglich bis Folge 29 mit Episoden wie 'der Superpapagei' oder 'der Karpartenhund' ihren Ruhm verdient hat und danach mit Titeln wie 'das Hexenhandy' oder 'Angriff der Computerviren' deutlich an Qualität verlor.

Schlussendlich gratuliert der HÖRSPIELer dem Dramatiker und Regisseur der Berliner Volksbühne René Pollesch, dessen prägnante Inszenierungsmanier mittlerweile auch beim Medium 'Hörspiel' an Einfluss gewonnen hat. Seine 'Heidi Hoh'-Hörspieltrilogie sowie das groteske Hördrama 'Tod eines Praktikanten' stehen für die erfolgreiche Adaption des von Pollesch geprägten `großäugigen High-End-Überforderungstheaters' (Christian Rakow, nachtkritik.de) durch den Hörfunk. Mittlerweile wagen sich daher auch andere Autoren wie Robert Wölfel ('Ressource Liebe') an diese erfolgreiche neue Spielart des modernen Dramas. Nach langen Jahren der inhaltlichen und stilistischen Unterforderung des verbliebenen deutschsprachigen Hörspielpublikums ist dies ein hoffnungsvolles Signal für künftige Produktionen - Gratulation und Dank an Herrn Pollesch.




Interview mit Heikedine Körting INTERVIEW

`Kann ich nicht´ gibt es nicht

Eine gewisse Hörspielerin, nicht gerade ganz erfolglos und zum Glück recht auskunftsfreudig, traf der HÖRSPIELer in Hamburg zum Gespräch über Emanzipation, Professionalität und über Pädagogik: Eines der raren Interviews mit Heikedine Körting.

Heikedine Körting hat wie kaum jemand das Bild des Kaufhörspiels für kindliche und jugendliche Hörer in Deutschland geprägt. Serien wie `Die drei Fragezeichen´, `Hanni und Nanni´, `Commander Perkins´, `TKKG´, die `Neon-Grusels´, `Larry Brent´ und `Macabros´ erwiesen sich im Rückblick als stilbildend für das moderne Jugendhörspiel. So gaben die von der Juristin und ihrem Gatten Dr. Beurmann für das EUROPA-Label entwickelten Serien und Einzeltitel in der Bundesrepublik ab Ende der 60er bis in die 90er Jahre hinein in Sachen Qualität und Innovation eindeutig den Ton an. Allenfalls Gruner & Jahr konnten dabei zeitweilig mithalten. Seit Beginn des neuen Jahrtausends machen viele neue Hörspiellabels, welche die Vorteile des Internets für sich nutzen, vor allem mit Horror und harten Krimis von sich reden, während man bei EUROPA auf weniger schrille Töne setzt.
Ein Großteil der Veröffentlichungen dieser neuen Produzenten verdeutlicht, dass schlüssige Drehbücher, solide Regiearbeit und professionelle Sprecher, wie sie EUROPA unter Heikedine Körting und ihren Mitarbeitern über Jahrzehnte hinweg garantierten, keinesfalls selbstverständlich sind. Die hin und wieder in diversen Internetforen laut werdende und oft ins Persönliche abdriftende Kritik an Frau Körting mutet im Hinblick auf ihre Verdienste um das Medium, das vielen sehr am Herzen liegt, ausgesprochen kleinkariert an. Der HÖRSPIELer freut sich, Deutschlands erfolgreichste `Märchentante´ (Guinness-Buch der Rekorde) zu vergangenen sowie aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, die auch auf ihre Arbeit im Medien- und Kulturbetrieb Auswirkungen haben, in Hamburg befragen zu dürfen. Das Interview fand im Juni 2007 statt.




Interview mit Alfred Krink INTERVIEW

Wenn der Vater mit dem Sohn

Dass gut gemachte Hörstücke für die Fantasie von Kindern und Heranwachsenden anregender sind als DVDs oder Spielekonsolen, ist inzwischen nahezu eine Binsenweisheit. Bevor wir jedoch eine wissenschaftlich anerkannte Hörspielpädagogik bekommen, wird wohl noch etwas Zeit vergehen. Bis es soweit ist, lesen wir ein Interview mit Alfred Krink, dem Vater der ersten generationenübergreifenden Hörspiele.

Die Schallplatten und Kassetten seiner Science-Fiction-Serie `Die große Reise´ von 1981 erzielen bei Internet-Auktionen Höchstpreise und mit seiner Kerlchen-Reihe setzte er vor 30 Jahren medienpädagogische Akzente: Alfred Krink, Jahrgang 1933, lebt heute mit seiner Frau bei Hamburg und ist seit über zehn Jahren als Autor und Regisseur für pädagogische Multimedia-Programme tätig. Der Schauspiel-, Schul- und Fortbildungslehrer ist zwar schon länger nicht mehr in der Hörspielbranche aktiv, er stand im Februar 2007 aber dennoch für ein Interview zur Verfügung. Insbesondere bezüglich Krinks vierteiliger generationsübergreifenden Serie Die große Reise erhält der HÖRSPIELer nach wie vor regelmäßig Anfragen. Dies verwundert kaum, wirkt die Serie um die Astronautenfamilie Hermes doch auch heute noch erstaunlich aktuell und modern. Krink sah bereits frühzeitig technische Entwicklungen in der Weltraumfahrt voraus und stellte schon damals berechtigte und oft auch amüsante Fragen über deren Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen.
Bei dem Vierteiler wirkten unter anderem bekannte Hörspiel-Profis wie Konrad Halver, Renate Pichler, Stephan Chrzescinski und Katharina Matz mit. Und neben Alfred Krink in einer Gastrolle auch dessen Sohn Thiemo, der wie die anderen Kinderdarsteller `entwaffnend natürlich und unaffektiert´ (Die Zeit) agierte, obwohl oder gerade weil sie alle keine Jungschauspieler waren. Die Mischung war optimal abgestimmt.




Kinder hören anders MEDIENPÄDAGOGIK

Kinder hören anders

Audiokassetten sind für Kinder zwischen 4 und 12 Jahren nahezu das Unterhaltungsmedium schlechthin. Was ihre Reichweite anbelangt, übertreffen Hörspielkassetten sogar das Fernsehen. Auch geben Kinder einen nicht unerheblichen Teil ihres Taschengeldes für Hörspiele aus. Die bundesdeutschen Haushalte mit Nachwuchs sind daher in ihrer übergroßen Mehrheit mit Kassetten aller Couleur ausgestattet, zumal die Mehrzahl der Sprößlinge heutzutage einen eigenen Rekorder besitzt.

Hörspiele sind für Kinder nicht zuletzt deshalb besonders attraktiv, weil sie parallel zu anderen Tätigkeiten als `Geräuschkulisse´ bzw. `Klangtapete´ genutzt werden können. Auf diese Weise werden gerade bei Kindern berufstätiger Eltern Gefühle des Alleinseins zurückgedrängt. Auch wegen dieser Funktion ist es für diese Hörergruppe offenbar wichtig, "ihre" Hörspiele selber zu besitzen: Es werden z.B. verhältnismäßig wenig Kassetten in öffentlichen Büchereien entliehen, obwohl diese oft über ein akzeptables Angebot an Kindertonträgern verfügen - hier wird die starke emotionale Bindung der Kinder an ihre Hörspielhelden greifbar. Die Bedienung eines Kassettenrekorders ist für Heranwachsende im Gegensatz z.B. zum Videorekorder oder gar zum PC relativ unproblematisch. Deshalb ermöglicht der Konsum von Tonkassetten Kindern ein hohes Maß an Selbstbestimmung, was diese Art des Zeitvertreibs angeht. Die Eltern haben hierauf im Gegensatz zu anderen Medien wenig Einfluß: Der Kassettenrekorder steht im Kinderzimmer und was wann, wobei und wie oft gespielt wird, das bestimmen Tochter oder Sohn allein.
Eine gerade für Kinder bedeutsame Eigenschaft des Mediums Hörspielkassette ist die Möglichkeit, als besonders intensiv oder einfach auch nur als schön erlebte Szenen immer wieder aufs Neue abspielen zu können. Gegenüber dem `unbeständigen´ Medium Fernsehen können so zum einen Inhalte besser verarbeitet werden. Da Hören zum anderen besonders für Kinder ein emotionales Erlebnis ist, vermag gerade die erlebte ständige Wiederhol- und somit Verfügbarkeit positiver Stimmungen dem Kind eine gewisse Sicherheit zu vermitteln. Es hat jederzeit die Möglichkeit, sich in die Phantasiewelt des Hörspiels zurückziehen zu können - dabei ist es egal, ob dies auch tatsächlich wahrgenommen wird. Manche Kinder nutzen die Hörspielkassette sogar ganz bewußt dazu, negative Ereignisse aus Schule oder Familie aus ihrem Alltag zurückzudrängen und die eigene Stimmung positiv zu beeinflussen.
Auch ein Kind besitzt einen Anspruch auf einfache Unterhaltung: Nicht jedes "anspruchslose" und Kurzweil versprechende Hörspiel ist automatisch negativ zu sehen. Folgende Kriterien könnten sich zur Wertung von Kinderhörspielen als sinnvoll erweisen:

- wie in der jeweiligen Produktion mit dargestellter Gewalt umgegangen wird,
- ob die jeweilige Produktion in ihrer Machart den Kindern genügend Raum für eigene Phantasien läßt,
- ob traditionelle Geschlechterrollen durch die tragenden Charaktere zementiert oder relativiert werden.




Interview mit Michael Esser INTERVIEW

ALLtägliches im Astronautenleben

Sehr viele deutschsprachige Hörspielautoren, die sich dem Science-Fiction-Genre verschrieben haben, gibt es nicht. Michael Esser ist eine der rühmlichen Ausnahmen, die vom öffentlich-rechtlichen Hörfunk nicht ignoriert werden. Stefan Nickels, Wissenschaftsjournalist und früherer Aufbauhelfer des inzwischen eingestellten Hörbuchmagazins `HÖRWELT´, interviewte den in Hamburg lebenden Esser, Jahrgang 1955, vor zehn Jahren anlässlich des `Space Day´.

Esser gibt unter anderem Auskunft über Weltallwetter, sogenanntes `Space Weather´, was im ersten Moment etwas seltsam klingt. Es handele sich allerdings um keinen Scherz, sondern um einen wissenschaftlich fundierten Wetterbericht über das Weltallwetter um die Erde herum, die sich schließlich in der Atmosphäre der Sonne befinde, die unser Wetter stark beeinflusse. Es ist gut zu wissen, dass Astronomen auch in Zukunft, wenn die Menschheit ins Weltall aufbrechen wird, immer noch genug zu tun haben und in ihrem Wirkungsbereich nicht auf die Erde beschränkt sein werden.
Weiter bemängelt Esser die Fokussierung neuerer Science Fiction auf zunehmend wissenschaftliche Aspekte und technische Spielereien. Hierbei kämen seiner Ansicht nach die menschlichen, um nicht zu sagen die sozialpsychologischen Aspekte zu kurz, die sich wesentlich interessanter gestalteten als effektbeladener Schnickschnack aus dem Computer. Zumindest in dieser Hinsicht besteht beim Medium `Hörspiel´ glücklicherweise keine allzu große Gefahr, dass man die Rezipienten zu sehr mit oberflächlichen Spielereien von einem schlechten Drehbuch ablenken könnte. Man kann nur hoffen, dass wenigstens beim Hörfunk noch recht viele Redakteurinnen Michael Essers Ansichten teilen. Aber vielleicht besteht ja auch für das kommerzielle SF-Hörspiel noch Hoffnung. Blicken wir einfach mit Zuversicht in die Zukunft und vermiesen wir uns nicht mit zweifelnden Gedanken diesen `Earth day´.




Christian Brückner (Skizze) MONOTONIE

Seiner Allgegenwärtigkeit

Damit erst gar keine Missverständnisse entstehen: Der Sprecher Christian Brückner ist unbestritten ein aussergewöhnlicher Schauspieler, der mit einer unverkennbar eingängigen Stimme gesegnet ist. Wer sich in diesem Land nicht der totalen massenmedialen Abstinenz verschrieben hat, wird ständig mit den Ergebnissen seiner vielseitigen Arbeit konfrontiert, denn ohne den Grimme-Preisträger geht im deutschen Sprachraum gar nichts.

Robert de Niro und Robert Redford blieben ohne ihn genauso stumm wie eine Unzahl von Hörbüchern; Tierfilme aber auch staatstragende Fernsehdokumentationen, etwa über deutsche Bundeskanzler und deutsche Geschichte, wären ohne seine rauhe und immer etwas melancholisch wirkende Stimme aus dem Off kaum noch vorstellbar. Schön und gut ! Hier soll niemandem sein beruflicher als auch professioneller Erfolg geneidet werden. Aber ist es wirklich notwendig, dass der mit seinem Fernsehengagement eigentlich ausgelastete Brückner zusätzlich auch noch in einer beängstigend steigenden Anzahl von öffentlich-rechtlich produzierten Hörspielen mitwirken muss ? Gibt es keine Nachwuchsschauspieler, die dafür sorgen können, dass künftige Hörspielhörer mit Sprechern heranwachsen, die nicht vor ihnen bereits Generationen von Hörern beglückt haben ? Traut sich niemand der Verantwortlichen in den Hörspielabteilungen der Funkhäuser, Herrn Brückner anzudeuten, dass der inflationäre mediale Einsatz einer Stimme der Glaubwürdigkeit der Darstellung des dazugehörigen Sprechers nicht unbedingt förderlich ist ? Es hat beinahe den Anschein.
Gegen prominente und bewährte Sprecher und Sprecherinnen soll hier dennoch keine Stimmung geschürt werden. Dies erscheint auch gar nicht nötig, denn diejenigen Darsteller, die sich im öffentlich-rechtlichen Sendebetrieb tatsächlich neben Herrn Brückner eine Nische als Sprecher erobern konnten, bestechen ohnehin durch den maßvollen Einsatz ihres Könnens. Die Hörerinnen und Hörer werden es ihnen danken.




Greenbaum-Anwesen INTERVIEW

Hörspiele aus dem Hochmoor

Mit `Widerliche Zeiten´ schuf Abraham `Abe´ Greenbaum Mitte der Achtziger Jahre die erste deutschsprachige Trash-Hörspielserie. Aus heutiger Sicht erscheint sie unter anderem wegen ihrer gnadenlos überzeichneten Darstellung von Religion besonders mutig. Ähnliches vermisst man seit jeher bei öffentlich-rechtlichen Produktionen. Wir weisen an dieser Stelle auf ein aufschlussreiches Interview mit dem Pionier der Szene hin, aus dem wir dankenswerterweise vorab zitieren dürfen:

Auf die Anmerkung, dass er seine Kultserie 'Widerliche Zeiten' im Jahr 1986 wegen finanzieller Probleme bei der Produktion einstellen musste, erwiderte der in Hamburg-Blankenese lebende Maestro: "Ja, meine Geldsorgen gaben schließlich den Ausschlag für den letzten Vorhang. Das Besondere bei den `Zeiten´ war, dass ich jede Szene eigens vor Originalschauplätzen aufnehmen ließ, obwohl wir ja eigentlich nur eine Hörspielreihe produzierten. Das war natürlich alles nicht ganz billig. Aber die Schauspieler konnten sich auf diese Weise viel besser in ihre Rollen und die aktuelle Handlung hineinversetzen. Die öffentlich-rechtlichen Hörspielproduzenten haben ja bis heute nicht begriffen, wie wichtig das für die Arbeit an einem Stück sein kann. Von der Konkurrenz der kommerziellen Kassettenhersteller will ich in diesem Zusammenhang gar nicht erst anfangen. Bei denen wurde ja nahezu ausschließlich in sterilen Tonstudios aufgenommen.
Wir hatten für die `Zeiten´ im schottischen Hochmoor ein altes Kastell angemietet, drehten die Wüstenszenen in der Kiesgrube von Hamburg-Rissen und die religiösen Abschnitte der letzten Folgen in der Nähe eines ausgedienten Buddhistentempels in Nepal. Die Raumschiffmodelle ließen wir von einem Schweizer Künstler aus Pappmaché anfertigen. Für die Sound-Spezialeffekte setzte ich das damals sehr moderne Sinclair ZX Spectrum ein und später auch den Schneider CPC. Die Aufnahmeumstände strapazierten die Crew zwar oft sehr, aber ich finde, dafür hört sich das Ergebnis auch besonders realistisch an. Das war mir der Mühen und die Ausgaben wert und nicht zuletzt deshalb erfreuen sich `die Widerlinge´ ja auch immer noch großer Beliebtheit bei Hörspielfreunden."




Gewalt im Hörspiel FORSCHUNG

Gewalt im Hörspiel

Wie wirken massenmediale Gewaltdarstellungen auf das soziale Handeln Jugendlicher ? Diese Frage beschäftigte bereits Generationen von Wissenschaftlern. Zum Thema `Wirkungen von Mediengewalt´ existieren weltweit schätzungsweise über 5000 Studien, deren Befunde einander z.T. völlig widersprechen. Auch ist die Prognosefähigkeit von Medienwirkungen immer noch erstaunlich gering.

Die Unterstellung, die von Öffentlichkeit und Teilen der Politik gegen die elektronischen Massenmedien erhoben wird, ist die, dass ein Zusammenhang existiert zwischen dargestellter Mediengewalt auf der einen und dem Auftreten tatsächlicher Gewalt auf der anderen Seite. Die Relevanz der Fragestellung `Einfluss medialer Gewaltdarstellungen auf Jugendliche´ erweist sich unter anderem in der Tatsache, dass sich in den letzten Jahren kriminelle Jugendliche immer häufiger auf die Massenmedien als Motivliefernaten für ihre Gewalttaten berufen. Gewalt ist ein schon lange nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-Unterhaltungsprogramms in den Massenmedien. Mit dem Einsatz von Gewalt kann schnell Spannung aufgebaut werden (sowohl mit Nachrichten- als auch mit erfundener Gewalt).
Der HÖRSPIELer hält es für zulässig, Ergebnisse der Medienwirkungsforschung, die haupsächlich audiovisuelle Medien wie TV, Videos, Filme usw. untersucht haben, auf das Medium Hörspiel zu übertragen: Je nachdem, in welchem Lebenszusammenhang Hörspiele konsumiert werden und welches Maß an Aufmerksamkeit ihnen gewidmet wird, können diese gerade auch von jugendlichen Rezipienten (Zuhörern) äußerst intensiv wahrgenommen werden. Gerade im kommerziellen Hörspielbereich existieren sehr viele Titel, die violente Inhalte an den jugendlichen Konsumenten bringen wollen (z.B. John Sinclair- oder Dan Shocker-Gruselhörspiele, neuer Trend sog. `Splatter-Hörspiele´; selbst Sailor Moon-Hörspiele, die mehrheitlich von Mädchen gehört werden). Wie schon bei den elektronisch-visuellen, so erweisen sich ebenso bei den auditiven Massenmedien die privaten Anbieter bedauerlicherweise als Pioniere bzgl. des Auslotens der Frage, wieviel Gewaltdarstellung Kindern und Jugendlichen zugemutet werden kann. Und die öffentlich-rechtlichen Anbieter sehen sich daher mit zeitlicher Verzögerung immer wieder ebenso veranlaßt, bisher gültige Hemmschwellen in Frage zu stellen.




Leo Greller (2005) FEATURE

Abgesang auf Leo G.

Die lange nicht mehr durch erwähnenswerte Produktionen aufgefallene Redakteurin eines Hamburger Rundfunksenders realisierte ein Radiofeature über die `Hamburger Schule´ deutschsprachiger Popmusik und bat Leo Greller um inhaltliche Unterstützung für das Projekt. Am seinem Beispiel sollte das Leben eines typischen Hamburger Liedermachers aus verschiedenen Perspektiven dokumentiert werden. Dies misslang gründlich.

Obwohl Leo Verbindungen zwischen Bildung und Kunst immer schon sehr skeptisch gegenüberstand (O-Ton: „Ich weiß nicht, ob ich diese heimliche Bildungsinvasion wirklich unterstützen soll“), ließ er sich dennoch für das ehrgeizige Projekt verpflichten. Hierbei leistete vor allem Grellers Manager Ludo Kamberlein unermüdliche Überzeugungsarbeit, weshalb er sich wegen seines Einsatzes wochenlangen Schmähungen des eigensinnigen Künstlers ausgesetzt sah. Nachdem uns nun die fertige Version des Features vorliegt, müssen wir jedoch feststellen: Die Reportage über Greller und die `Hamburger Schule´ (Hörbuchtitel 'Abgesang auf Leo G.') geriet unangenehm tendenziös und ist daher nicht zu empfehlen.
Da wäre zunächst Leos Manager Ludo Kamberlein: Der Mann des Vertrauens für den Liedermacher. Kamberlein unterstützte die Feature-Redakteurin der Sache wegen, obwohl er neben Greller auch noch ein esoterisches Sängerinnen-Duo und eine Underground-Electrocombo aus Wedel betreut. Nach seinem Interview meinte er, er hätte `dieser Radiofrau´ viel mehr erzählt als er ursprünglich vorgehabt hätte, da sie ihm während der Gespräche ständig geschmeichelt habe. Ebenfalls befragt wurde unnötigerweise eine Dame namens `Manuela´: Es ist kaum seriös zu nennen, in einem Feature über die Hamburger Schule im allgemeinen und Leo Greller im besonderen ausgerechnet eine Ex-Freundin des vielbeschäftigten Sängers zu Wort kommen zu lassen. Insbesondere dann, wenn man die Dame im Feature ausführen läßt, warum sie illoyalerweise eher auf Rockmusik als auf die Klänge der Hamburger Schule steht. Und dies mit einer Begründung, die auch Männer mit mehr sexuellem Selbstbewußtsein als dem Grellers peinlich berühren würde. Dann gibt es noch diesen ehemaligen Schulkameraden von Leo: Dieser ist mittlerweile Sanitärtechniker in Heide (Holst.). Hätte das nicht gereicht ? Der Mann wirkt wie voll durch seinen Beruf ausgelastet. Dies ist natürlich zu begrüßen, aber wir fragen trotzdem: Musste ausgerechnet dieser Herr für das Feature über kulturelle Themen befragt werden ? War es tatsächlich eine glückliche Wahl, gerade einen ehemaligen Schulkameraden über Greller sinnieren zu lassen ? Jemanden, der Leo während der Schulzeit nicht sonderlich nahestand und den nachweislich schon die Betrachtung eines harmlosen Musikvideos aus dem Hause Greller überreizt ? Wir meinen, nein !




Abenddämmerung STALKING

Mysteriöse Groupiedämmerung in Moabit

In einem Berliner Club kam es kürzlich zu einem Zwischenfall, an dem der sympathische Künstler Leo G. sowie ein Fan, ein Groupie, ein Mitläufer und ein Flaneur beteiligt waren. Die polizeilichen Ermittlungen dauern an. Es konnte noch nicht endgültig geklärt werden, was genau sich kurz vor drei Uhr morgens in einem Hinterzimmer des Clubs abspielte. Fest steht jedoch schon jetzt: Leo wird nach diesem Vorfall kaum mehr derselbe sein, der er vor dieser Nacht in Moabit war.

Vielleicht war es die Kombination aus Fetisch-Sex-Event sowie professioneller Publikumsbeschimpfung an diesem Abend, die zu der aufgepeitschten Atmosphäre in einem Hinterzimmer des Clubs führte, in dem sich der Künstler nach seinem Auftritt zur Ruhe begeben hatte und in dem sich ein ehemaliges Groupie, ein Fan sowie ein Mitläufer an ihm vergingen. Das Groupie gilt als Anstifterin der Tat und befindet sich zur Zeit in Untersuchungshaft. Im folgenden einige Personen, die an besagtem Abend ebenfalls in dem Club, der sich in einem verlassenen Industrie-Areal befindet, anwesend waren und eventuell Licht ins Dunkel der unschönen Vorgänge um den in letzter Zeit vom Schicksal gebeutelten Leo G. bringen können:
Als Freund des schnellen Springens über die Kanäle hätte der Mitläufer die fragliche Nacht vermutlich lieber daheim im Fernsehsessel verbracht. Von solchen dramatischen Ereignissen, wie dem Kampf `Moderne´ gegen `Dekadenz´ im HickHack-Club, wird in der Glotze allerdings nur selten berichtet. Hierfür würden sich vermutlich keine Kunden für die Werbezeiten finden. Im Angesicht der eskalierenden Ereignisse in Moabit konnte auch keine Fernbedienung für Mäßigung sorgen: Das Programm stand fest - Lautstärke und Szenenabfoge lagen in der Hand der anwesenden Protagonisten. Die Frage, ob diese hierbei ihrer Verantwortung gerecht wurden, bleibt vorerst ungeklärt. Dem angeblichen Fan Leos sagen wir: `Nein, Madame ! Wenn Sie uns auf unsere Frage, was denn an jenem Abend im HickHack-Club Spektakuläres passiert sei, lediglich von einer grandiosen Nackenmassage, die Ihnen zu teil wurde, berichten, dann hilft uns das nicht wirklich weiter. Natürlich ist es erfreulich, dass Sie eine optimale Methode zur Förderung Ihres körperlichen Wohlbefindens gefunden haben - aber mit Verlaub: ENTSPANNUNG ist nun ziemlich genau das Gegenteil, wozu Sie und Ihre Begleiter Herrn Greller in dieser Nacht verhalfen. Aber sich `Fan´ nennen ! Hätten Sie Ihr ehemaliges Idol mal lieber harmlos massiert, anstatt ... ´




Die Niveau-Drücker ESSAY I

Die Niveau-Drücker

Die anhaltende Verflachung der Medieninhalte könnte volkswirtschaftlich schon bald verheerende Folgen haben. Niemanden scheint dies allerdings zu kümmern - am wenigsten die für den Schlamassel Verantwortlichen.

Die Menschen in der Bundesrepublik realisieren immer stärker, dass in ihrem Land ein Umdenken in vielen Bereichen notwendig geworden ist. Hierin werden sie nicht zuletzt durch die elektronischen Massenmedien bestärkt. Dabei blenden deren Verantwortliche aus, dass Fernsehen und Radio ebenfalls das Ihre zur allgemeinen Krisenstimmung beitragen: Durch die anhaltende Verflachung der Sendeformate privater als auch öffentlich-rechtlicher Programmanbieter wird besonders bei jungen Mediennutzern die Haltung verstärkt, dass Können und Wissen nicht honoriert werden – ungeachtet dessen, dass gerade diese Eigenschaften für die Gesellschaft in Umbruchzeiten lebenswichtige Ressourcen darstellen.
Mehr oder weniger konsequent werden gegenwärtig alte Besitzstände in Frage gestellt, werden Wirtschafts- und Sozialsystem zukunftsfähig zu machen versucht. Die vom Ausland diagnostizierte `deutsche Krankheit´ - das Unvermögen, sich veränderten Lebensbedingungen anzupassen - soll überwunden werden. Fast wie ein Fels in der Brandung gelingt es jedoch den populären elektronischen Massenmedien -Fernsehen und Hörfunk- sich selbst Reformdiskussionen vom Leibe zu halten. Stattdessen thematisieren sie unermüdlich die Probleme von Wirtschaft, Bildungswesen und Sozialsystem.
Die Welt öffentlicher Bilder und Klänge scheint vergleichsweise heil: Durchschnittlich 3 Stunden täglich sehen die Bundesdeutschen fern. Das Fernsehen behauptet sich nach wie vor als beliebtestes und wichtigstes elektronisches Massenmedium in der Bundesrepublik. Marktanteile, die es an das Internet verliert, holt es sich scheinbar von den Tageszeitungen zurück. Und auch das gute alte Radio dudelt wie eh und je munter vor sich hin.




Viel Lärm um nichts ESSAY II

Viel Lärm um nichts

Trotz guter Verkaufszahlen befindet sich das kommerzielle deutschsprachige Hörspiel in einer Qualitätskrise: Unter den Neuproduktionen dominieren Gewalt und Trash. Die innovationsarmen Vertonungen üben sich in auditivem Hollywood-Abklatsch. Obwohl eigentlich vom Überdruss vieler Konsumenten am Film- und Multimedia-Allerlei profitiert werden könnte, schreitet der Niedergang eigenständiger Hörspielkultur voran.

Im Sog des nunmehr über zehn Jahre andauernden Hörbuch-Booms mit Steigerungsraten von über 10 Prozent konnte sich auch das Hörspiel als eigene Kunstform neben der multimedialen Konkurrenz überraschend gut behaupten. Zwar beinhaltet längst nicht jedes Hörbuch ein Hörspiel mit mehreren Sprechern und zwar steigt das Durchschnittsalter der Hörer, wie das der restlichen Gesellschaft, stetig an - es findet aber dennoch ein reges Hörspielleben im deutschsprachigen Raum statt. Eine wichtige Voraussetzung stellten hierfür in Westdeutschland immer schon Kaufkassetten und seit zwei Jahrzehnten CDs für jugendliche Hörer dar. Von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nie ganz ernst genommen, stellte die kommerzielle Sparte dieser auditiven Kunstform einen verlässlichen Zubringer von jungen Menschen für das vielseitige Phänomen `Hörspiel´ dar. Für die mediale Sozialisation waren sie von jeher wichtig, um junge Leute aus bildungsferneren Bevölkerungsschichten mit dieser anspruchsvollen Kunstform vertraut zu machen.
Die bereits von Fernsehen und Film gesetzten Trends zur Infantilisierung und Vulgarisierung von Medieninhalten greifen jedoch seit einigen Jahren auch in der kommerziellen Hörspielszene - bei Produzenten, Autoren und Regisseuren. Die Ursachen für diese Phänomene sind eher auf Hersteller- denn auf Konsumentenseite zu suchen - der kommerzielle Hörspielmarkt in der Bundesrepublik war durch die oligarchische Verlagsstruktur seit jeher viel mehr angebots- und weniger nachfrageorientiert, was über Jahrzehnte kein Problem darstellte. Labels wie "Europa" oder "Maritim" trafen über mehrere Dekaden verlässlich den Geschmack ganzer Generationen westdeutscher Kassettenkäufer und prägten jeweils einen eigenen unverwechselbaren Hörspielstil ...




REDE

Zum Zustand des Hörspiels

Als Hörspieler ist man - wie andere Kreative auch - eine Gegenstimme zu den Institutionen. Es ist jedoch auffällig, dass die Funktion der Kritik gegenüber den Hörspielabteilungen momentan von niemandem ausgeübt wird. Weder von außerhalb - es gibt anscheinend keine Dissidenten, die ein kritisches Wort wagen - noch von innen heraus. Es ist natürlich begrüßenswert, dass die Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Hörfunkhäuser selbst sehr angetan sind von ihren Produktionen. Noch etwas erfreulicher wäre es allerdings, wenn ein paar mehr Zuhörer außer der direkt und indirekt abhängig Beschäftigten die Begeisterung mit ihnen teilen könnten.

Wir erleben seit Jahren eine gesamtgesellschaftliche Verunsicherung. Es ist klar, dass aufgrund der demographischen Entwicklung große Umbrüche bevorstehen und daher sind viele Menschen unsicher, wo es langgehen soll. Hinzu kommt, dass die klassischen Beziehungsmodelle ihr Selbstverständnis verloren haben: Die Familie hat es in der individualisierten Gesellschaft ausgesprochen schwer und ist vermutlich für die Mehrzahl der Menschen nicht einmal als Ideal aufrecht zu erhalten.
Das Aufziehen von Kindern ist heute normativ komplett überfrachtet und zu sehr privatisiert. Die Single-Gesellschaft stiehlt sich hier ebenfalls aus der sozialen (gar nicht einmal aus der finanziellen) Verantwortung, was die weniger werdenden herkömmlichen Familien zusätzlich belastet. Die Errungenschaften der Moderne und damit der Individualisierungsthese stehen auf dem Spiel. Es wird unweigerlich zu schweren Verwerfungen gesellschaftlicher Gruppen kommen, die hauptsächlich über die Medien kommuniziert werden und bei denen Kinder eine traurige Schlüsselrolle spielen. Autoren, die heute Medieninhalte bereitstellen, sollten darauf vorbereiten, sensibilisieren, einstimmen und Möglichkeiten zur Deeskalation aufzeigen. Dies wird jedoch angesichts des weit verbreiteten Defaitismus, der bei der Themenwahl der Redaktionen offenkundig zum Statut gehört, nicht zu bewerkstelligen sein. Man gewinnt damit vielleicht Grimme-Preise, aber man verfehlt leider auch den Nerv der Zeit. Unabhängige Autoren sind in dieser Situation stärker denn je gefragt: Denn sowohl die politische Linke als auch die Rechte haben keine guten Antworten auf die Gefahr durch die Gegner der Aufklärung. Aber das Hörspiel ist ein Kind der Moderne und als solches braucht es sie zum Leben ...


RANKING

Die besten fünf

Das beste Hörspiel der letzten dreißig Jahre ist exakt dreißig Jahre alt: `Auf zur Venus´ von Michael Gaida, produziert vom Sender Freies Berlin. Die Regie in dieser 57minütigen Groteske, die nur der Form nach als Science Fiction zu sehen (hören) ist führte Manfred Marchfelder. Mitwirkende sind neben Uwe Müller und Helga Anders auch Monika Hansen, Ronald Nitschke, Peter Matic und Erwin Schastok. Weltraumfahrt war seither nie mehr so pervers und abgründig.
Vizekönig in der Top-5 der besten Hörspiele der letzten vier Dekaden ist das etwas eigenwillig geschriebene `Science Fixion´ - eine Endzeit- und Mediensatire von Peter Jacobi, das Radio Bremen 1979 unter der Regie von Manfred Marchfelder produzierte. Die 65 Minuten der morphinen Handlung bestreiten unter anderem Henning Venske als Radiomoderator, Marlen Diekhoff als Drogenärztin sowie Ronald Nitschke und Otto Sander als Talkshowgäste.
Bronze in der Hörspiel-Bestenliste belegt die Fake-Doku `Ein Sonntag in New York´ von und über Truman Capote und Andy Warhol, die der Norddeutsche Rundfung im Jahr 1998 unter der Regie von Beate Andres produzierte. Das einstündige angeregte Geplauder zwischen beiden legendären Filmemachern bestreiten als deutsche Darsteller ideal besetzt Martin Reinke und Klaus Schreiber.

Knapp vierzig Jahre alt ist das Hörspiel, das in dieser Top 5 den vierten Platz belegt und den reißerischen Titel `Blutbad´ trägt. Christian Gebert inszenierte 1973 für den Sender freies Berlin diese 51minütige Frontalattacke auf die Political Correctness aus der Feder von Sylvia Hoffman. Hans Korte und Ingeborg Engelmann als mordlüsterndes Ehepaar vor dem Feierabend-Fernsehprogramm machten diese kleine BRD-Horrorschau zu einem perfekten Hörgenuss.
Ein bisschen idyllischer - zumindest vom Ort der Handlung - kommt hingegen der `Die Brandung von Hossegor´ getaufte Hörspiel-Klassiker von Alfred Andersch daher: In der Koproduktion des NDR mit dem HR, dem SR und dem WDR aus dem Jahr 1976 geht es um tödlichen Neid unter der Sonne Südfrankreichs. Otto Düben setze die 88minütige Charakterstudie um einen Regisseur und seinen Schauspieler stilsicher und beeindruckend glaubwürdig mit Christian Brückner, Christoph Quest und Ursula Monn um.




PARALLELEN

Ähnlichkeiten zwischen echter und Hörspielwelt

Die demokratisch sehr glaubwürdige Partei `die Linke´ propagiert seit einiger Zeit und sicher nicht aus linkspopulistischen Motiven die Entkriminalisierung sogenannter `weicher´ Drogen wie Cannabis und damit in der Folge auch deren mittelfristige Freigabe. Vor etwas mehr als dreißig Jahren zeichnete Peter Jacobi in seinem Hörspiel `Science Fixion´ das Bild einer durch und durch drogensüchtigen, hochentwickelten sowie hochindividualisierten Industriegesellschaft, in der die Abstinenz von Drogen unter Strafe steht und in der der totalitäre Staat seine im mehrfachen Wortsinn abhängigen Bürgerinnen und Bürger dank dieses nahezu perfekten Herrschaftsmodells im festen Griff hat. Diese negative Gesellschaftsutopie weist im übrigen auch einige Parallelen zu THX 1138 auf - einem frühen Spielfilm von George Lucas. Ähnlichkeiten in der angestrebten Gesellschaft und einem möglichweise neuen Menschentypus aus dem genannten Film sowie dem genannten Hörspiel mit den Motiven und Zielen der `Linkspartei´ dürfen jedoch nicht unterstellt werden.

Aber nicht nur bei künftigen utopischen Gesellschaftsformen dient das Medium `Hörspiel´ häufig als Projektionsfläche beflissener Autoren - auch bei längst untergegangenen oder vermeintlich sich überlebt habender Formen menschlichen Zusammenlebens kann das `Kino im Kopf´ brauchbare Exempel liefern. Der Plan, in Meßkirch am Bodensee eine karolingische Klosterstadt mit Abteikirche und mehr als 50 Gebäuden zu errichten, erinnert frappant an den auf unseren SF-Seiten hochgelobten Mittelalter-HiTec-Thriller `Das Restauratio-Projekt´ von Marina Dietz.
Wieder Ganz in der Gegenwart angekommen fühlt man sich hingegen bei der lustigen Neckerei der linksalternativen "tageszeitung / taz", das Phänomen der arrangierten Ehen (vulgo `Zwangsehen´) am Beispiel von Familienministerin Schröder und ihrem Mann zu verballhornen ist auch nicht ganz neu und in ähnlicher Form bei Leo Grellers Religions-Schwulitäten schon mal da gewesen.