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Interview mit Michael Esser

geführt von Stefan Nickels anlässlich des `Space Day´ (1998)


Michael Esser, Jahrgang 55,
Journalist, Herausgeber einer Computerzeitschrift,
Drehbuch- und Hörspielautor,
 lebt in Hamburg.
Zusammen mit dem Regisseur Walter Adler
entwickelte er die Idee für den "Space Day".

Stefan Nickels , Jahrgang 75,
Wissenschaftsjournalist,
lebt in Berlin

Was erwartet die Hörer am "Space Day"?

Für mich als Hörspielmenschen war klar, wenn wir einen Radiotag zum Thema Weltraum machen, dann mit eigenem akustischen Design und völliger Außerkraftsetzung des gesamten Programms. Wir haben den Tag in 16 Stunden eingeteilt, die jeweils ein Thema haben, in denen aber alle möglichen Radioformen auftauchen. Außer Hörspielen, Features, Diskussionsrunden haben wir auch viele Kleinteile im Programm. Zum Beispiel Werbejingles für Geschichten, die mit Zukunft und Raumfahrt zu tun haben. In Amerika gibt es ein Unternehmen, das Bestattungen im All verkauft: Dafür haben wir den passenden Werbeclip gemacht. So getan, als sei jetzt das Jahre 2010, da ist es wahrscheinlich ganz alltäglich. Das kostet schon heute nur 4500 Dollar.

Was wird aus Radiostandards wie dem Wetterbericht?

Den Wetterbericht gibt es schon, aber nicht über Erdwetter, sondern über Space Weather. Das mag im ersten Moment etwas komisch klingen, ist aber kein Scherz, sondern ein wissenschaftlich fundierter Wetterbericht über das Wetter. Wir befinden uns mit unserem Planeten in der Atmosphäre der Sonne, die unser stark Wetter beeinflußt.

Wieviel Science Fiction kommt am "Space Day" vor?

Grafik zum Michael-Esser-Interview Nicht viel. Ich steige rasch aus, wenn es anfängt, Kult zu werden: Sich wie Picard anzuziehen und so auf Parties zu gehen, das ist folkloristisch und nicht weit von den Wildecker Herzbuben. Mich interessiert der Übergang von Avantgarde zu Popkultur.
In dem Bereich spielt auch der Radiotag. Ich habe zwei Sachen vehement abgewehrt:
Alles, was mit folkloristischen Geschichten zu tun hat, und alles, was mit puren Fakten zu tun hat. Ich kann innerhalb einer Erzählung Informationen transportieren. Aber Aufzählungen, lexikalisches Wissen ist unwichtig und hat für mich nichts mit Radio zu tun.

Also sind Sie ein Science-Fiction-Autor, der mit beiden Beinen auf der Erde steht?

Ich sehe mich nicht als Science-Fiction-Autor. Ich orientiere mich stark an dem, was es schon gibt. Was ich schreibe, sind alles überzeichnete Geschichten, die heute stattfinden: Die Grenze zwischen Science und Fiction gibt es so nicht mehr. Wir können zwar noch Geschichten schreiben wie "2100: Krieg auf dem Mars", aber das interessiert keinen. Heute interessiert die Leute die Geschichte eines Astronauten in der Vorbereitung auf seinen ersten Marsflug, der dabei von einem Roboter betreut wird. Das wäre eine spannende Geschichte. Aber das ist etwas, das es gibt: Es gibt diese Roboter im Johnson Space Center. Dort wird an fernbedienten Robotern gearbeitet, die außerhalb von Raumstationen arbeiten.

Was ist das Typische an Ihren Geschichten?

Die Stücke, die ich schreibe, handeln immer vom Alltag auf außergewöhnlichen Bühnen. Mich interessiert am Raumfahrer der Prolet, jetzt nicht im abwertenden Sinne. Solowjow zum Beispiel: Wenn die Mir im Eimer ist, muß Solowjow hoch: Den holen die immer, wenn etwas kaputt ist. Das ist so ein Typ, der sagt: "Mirr schon widder kabuut. Jetzt flieg ich da hoch, und reparier ich den Scheiß." Der arbeitet sechs Stunden draußen im Raumanzug, bis der Schaden repariert ist. Während die in der Bodenstation sagen, Wladimir, komm rein!
Das wird eines Tages der Alltag sein. Wenn wir Raumfahrt betreiben, dann werden da Arbeiter sein. Das werden nicht Wissenschaftler, Intellektuelle, Philosophen und Dichter sein. Das werden Leute sein, die heute auf Bohrinseln sind oder Unterseekabel verlegen. Und das finde ich viel spannender, als jetzt irgendwelche abgedrehten Science-Fiction-Geschichten zu erzählen.

(aus HÖRWELT  10/98)


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