Initiative `Wir-sind-wichtig - Der Wirtschaft zuliebe !´C. Kölln und C. Köpp bei den Aufnahmen zu `Gehobene Narrenfreiheit´ (1996) in Hamburg-Eilbek




FREIHEIT

Übermäßige Freizügigkeit

Es war abzusehen, dass diese übermäßige Freizügigkeit, die man gewissen Leuten, die das in keiner Weise zu schätzen wissen, gewährt, eines Tages mit voller Wucht auf einen zurückprallen würde. Aber musste es denn gleich so schlimm kommen ?

Es scheint gerade eben noch tolerierbar, wenn manche Leute aufgrund ihrer Unbedarftheit unsere Gesellschaftsordnung als solche ablehnen. Diese erlegt uns, die wir sie akzeptieren und schätzen, ja immerhin auch auf, diese Leute nicht sofort aus dem Verkehr zu ziehen. Und die Versuchung hierfür wäre tatsächlich groß - gerade heutzutage.
Was allerdings zu weit geht, ist, wenn gewisse Leute mit Ihrem Unschuldslächeln in der Gegend herumläuft und anderen, die bis dato mit ihrem Leben vollauf zufrieden waren, mit ihren abstrusen Ideen absolut überflüssige Selbstzweifel ins Hirn setzt. Vor allem, wenn diese anderen nie geklagt haben - jedenfalls nicht, wenn man sie nicht direkt auf ihre mangelnde Lebensfreude hin angesprochen hat.

Viele Menschen sind vermutlich nicht imstande, sich auszumalen, in was für ein Chaos dieses Land geraten würde, wenn selbst schon die simpelsten Gemüter, die schließlich das Fundament der Gesellschaft bilden, plötzlich damit beginnen würden, den Status quo auf den Kopf zu stellen. Man denke nur an die ganzen Familien, die Ehen, die Greise, die Kinder - sie müssen irgendwoher geschützt werden.
Nachdenken - was heißt das schon ? Wir haben doch wohl alle mal einen nachdenklichen Tag ... . Deshalb muss sich noch lange nichts ändern - und schon gar nichts Bewährtes. Wobei man zugeben muss, dass auch Routine und Gewohnheit töten können: Sie können Gefühle töten mit der Zeit. Und sie schrecken beispielsweise nicht davor zurück, die Liebe in einer Ehe zu töten. Allerdings ist auch niemand dazu verpflichtet, um jeden Preis zufrieden zu sein.



ÜBERDRUSS

Wachsende Selbstzweifel

Viele Menschen machen sich etwas über ihre Unentbehrlichkeit in ihrem Beruf etwas vor: Sie sind entbehrlich - jeder ist mehr oder weniger entbehrlich. So etwas muss man einfach akzeptieren, dann kommt man besser zurecht, langfristig. Jeder ist ersetzbar und letztlich auch nur ein Rad im Getriebe. Das festzustellen dauert häufig lange. Aber so schlimm ist es gar nicht.

Dann wird einem auf einmal klar: Die Linken sind Schuld. Natürlich ! Dass man da nicht schon früher drauf gekommen ist ! Alleine schon diese Terminologie: „Rad im Getriebe“ - Das ist doch typischstes Gewerkschaftskauderwelsch ! Man fragt sich unwillkürlich: Warum diskutieren linke Unruhestifter ihre Ansichten nicht einfach mit irgendwelchen Hausbesetzern aus und verschonen andere in Zukunft mit derlei Gedankengut ? Sie sollen gefälligst jemand anderes agitieren !
Wenn man auch mit Ehe und Beruf unzufrieden ist, so hat man doch zum Glück noch seine Kinder. Die bleiben einem schließlich trotz aller Zweifel. Das ist doch ein Trost. Aber die Vorstellung, ein Teil von einem würde nach dem Tod in ihnen weiterleben, ist doch eigentlich ziemlich absurd, wenn man mal in Ruhe darüber nachdenkt. Und es gibt auch kein Leben nach dem Tod. Für einen selber nicht und für andere auch nicht. Für niemanden, denn es gibt auch keinen Gott.

Solche blasphemischen Ansichten wird man eines Tages noch bereuen. Bis dahin geht es weiter, wie bisher. Was soll schon sein ? Man hat sich endlich wieder unter Kontrolle. Nur - wie man das so sieht - werden diese Erkenntnisse keine Auswirkungen auf den Lebensstil der Betroffenen haben. Man hat eben selber miterlebt, dass es möglich ist, bodenständige Menschen - wie oben bereits konstatiert: die Grundpfeiler unserer Gesellschaftsordnung - dazu zu bringen, dass sie das bewährte System anzweifelt. Das ist doch eigentlich erschreckend.
Können moderne Menschen denn wirklich erst zufrieden sein, wenn sie alles unter Kontrolle haben ?



PRESTIGE

Moderner politischer Journalismus

Ob es heutzutage noch mit nennenswertem Berufsethos verbunden ist, ein politischer Journalist zu sein ? Zweifel sind angebracht: In publizistischen Kreisen benutzen die Herren der Schöpfung wahrscheinlich schon fast genauso viele Duftwässerchen, wie die Frauen. Dass sie dabei zu dem Duft auch gleich noch nach fortgeschrittener Dekadenz riechen, dürfte für sie dabei kaum eine Rolle spielen - Wenn sie es überhaupt bemerken.

Ihre Realität ist mit Sicherheit unblutiger als die radikaler politischer Aktivisten. Denen gegenüber mokieren sich bürgerliche Journalisten gerne, dass diese auf ihrem Weg einer angeblich besseren Gesellschaft entgegen etwas viele Tote zurücklassen. Und zwar nicht nur zahlenmäßig, sondern auch ethisch.
Und diese Empörung passiert zu Recht, denn es hat natürlich Opfer gegeben. Radikale Politische Ideologien müssen sich Ihren Weg in die Realität eben leider oft erst mit Brachialgewalt erschließen, um in das Bewußtsein der schweigenden Masse vorstoßen zu können - werden die interviewten politischen Rowdies dann vermutlich anmerken. Und investigative Journalisten werden dann feststellen, dass sie das so aber nun wirklich nicht schreiben können.

Und zwar selbst wenn sie es überaus interessant finden, am Rande der Legalität unter konspirativen Umständen ein Interview mit radikalen Politik-Freaks führen zu können. Sie werden sich entsinnen, dass es im Grunde bürgerliche Medien sind, für die sie schreiben, was den Polit-Hasardeuren ja auf der anderen Seite immerhin auch die Möglichkeit verschafft , über Ihren sonstigen Wirkungskreis hinaus Aufmerksamkeit zu erregen.
Für die Leserschaft des `Hamburger Abendblattes´ oder `Der Zeit´ sind die menschlichen Aspekte ihres Handelns sicher interessanter als ideologische Statements. Gerade weil sie für ein sich gutinformiert haltendes Publikum arbeiten, welches vor allem an Backroundinformationen interessiert ist.



CYBERROOM

Computer sagt: `Arrogantes Arschloch !´

Wie könnte sich ein Verkaufsgespräch für einen Virtual-Reality-Helm gestalten ? Was könnte eine künstliche Verkäuferin einem Unentschlossenen einflüstern ?

Worauf warten wie denn noch ? Kommen sie, stöpseln Sie sich endlich ein ! Dieses Gerät ist das Neueste auf dem Gebiet. Sie werden sehen: Im Nu sind sie dieser Welt entflogen. Diese niederen Alltagsgepflogenheiten, diese spießigen zwischenmenschlichen Umgangsformen: Das alles wird für ein paar Stunden aus ihrem Leben verschwinden.

Auch wenn sie vielleicht denken mögen `Ich habe mich aber eigentlich daran gewöhnt. Ich kenne es doch gar nicht anders !´, wird das nichts daran ändern, dass jeder, der den virtuellen Trend verschläft, ein arrogantes Arschloch ist. Niemand kommt unbeschadet an dieser neuen Entwicklung vorbei. Wer da nicht mitmacht, scheidet über kurz oder lang aus dem Rennen. So ist das nun einmal in unserer liebgewonnenen Wettbewerbsgesellschaft. Da sollte sich hinterher niemand beklagen. Und wenn sie vielleicht einwenden mögen, dass sie nicht gerade den Drang verspüren, sich an diesen Apparat anzuschließen und dies mit den Worten `Ich glaube, ich brauche so ein Gerät nicht´ ausschmücken, kann ich nur ehrlich erwidern: Wollen sie mich jetzt auf den Arm nehmen ? Sie können mir doch nicht erzählen , dass einer wie sie seinem Alltag ohne technische Behilfsmittel auch nur einen minimalen Lustgewinn entlocken kann. Das würde ich ihnen so brutal auch niemals ins Gesicht sagen, hielte ich nicht gleichzeitig hier in meinen Händen den ganz persönlichen Fluchtweg aus dieser Tristesse für sie bereit. Gerade für Leute wie sie werden diese Geräte doch gebaut ! Also was ist ? Wollen sie sich jetzt einstöpseln oder nicht ? Ich frage sie das ganz unabhängig davon, ob ich sie jetzt für einen Versager halte oder nicht. Letzteres würde sich allerdings leider nur wieder ein weiteres Mal bestätigen, wenn sie auch diese neue Entwicklungsstufe, die da so erwartungsvoll vor Ihnen liegt, verpassen. Sie werden es nicht bereuen.


Download der Hörspiel-Vertonung von 1994/95: Download
(Autorenproduktion)






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