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FILM-JUBILÄUM 2016

30 Jahre bundesdeutsche Kriminalpolitik: Ugly times ?

Während des Osterfestes 1986 drehte eine Gruppe von Jugendlichen im Hamburger Elbvorort Rissen eine Kriminalpersiflage mit dem Titel ‚Ugly Times‘ auf Zelluloid. Die allgemeinen Standards der Film- und Erzähltechnik haben sich seither deutlich weiterentwickelt – von der Qualität der kriminal-politischen Diskussion in der Bundesrepublik lässt sich dies nicht behaupten. Der inzwischen erwachsene Regisseur des damaligen Jugendfilms Hartmut Lühr blieb dem Thema ‚Kriminalität‘ weiterhin treu.

Aus heutiger Sicht erscheint es bemerkenswert, wie die jungen Menschen in Hamburg-Rissen vor dreißig Jahren ohne EU-Kultur-Fördergelder und Quotenregelung ein respektables privates Filmprojekt zum Abschluss bringen konnten. Es ist jedoch nicht beabsichtigt, heutige Gegebenheiten der Medienbranche zu kritisieren, die mit gutem Recht als alternativlos angesehen werden können.

Filmaushang-Foto 'Ugly Times' (gesamt) (1986):

Filmaushang-Foto 'Ugly Times' (1986)



FRÜHWERK

Regisseur Hartmut Lühr über 'Ugly Times' (1)

Natürlich muss man UGLY TIMES als absolutes Frühwerk eines jungen Filmemachers sehen, der seinem Publikum noch nicht die ganz großen Sauereien zumuten mag und sich mit einigen kleineren Geschichten mehr oder weniger erst einmal zu den wirklich unappetitlichen Themen hin arbeitet.

Es beginnt damit, dass zwei Jungganoven am Wittenbergener Elbufer ihre Diebesbeute aus einem Bruch vergraben, um sie zunächst vor dem Zugriff ihres gewieften Chefs, für den sie die Schmutzarbeit machen müssen, zu schützen. Die Elbe selbst können die Zuschauer in dieser gekürzten Version leider nicht bewundern, aber die hat ja mit Sicherheit jeder irgendwann schon mal irgendwie zu Gesicht bekommen. Bei diesem Film hat das Geld noch nicht gereicht für Wasserkameras. Naja, kurz darauf kommen zwei noch jüngere Passanten des Weges -die gab es damals tatsächlich noch in großer Zahl in Deutschland und sogar in Hamburg- und stolpern mehr oder weniger über die nachlässig verbuddelte Diebesschatulle. Das kann schließlich jedem passieren, jeden Tag und überall. Und so beginnt eine wilde Verfolgungsgeschichte durch einen Elbvorort von Hamburg. Sie sind dann natürlich erst einmal sehr enthusiastisch, weil unter anderem eben noch in einem begeisterungsfähigen Alter. Das war einer der Gründe, warum ich mit sehr jungen Schauspielern arbeiten wollte. Mein Produzent hatte mir seinerzeit statt der Kinderrollen Helga Feddersen und Olli Maier als unbescholtene Spaziergänger vorgeschlagen, die hätten das sicher ebenfalls sehr glaubhaft rüber gebracht. Aber vor allem wegen des surrealen Finales, das später in dem Film kommt, wollte ich unbedingt mit Kindern arbeiten.

Die jungen Schatzgräber ziehen also mit der gefundenen Beute ab - ein ganz alltäglicher Vorgang. Ebenso banal, wie dass ihnen ihr Fund daraufhin von dem Diebesduo wieder abgenommen wird. Das sparen wir uns hier, da können Sie nichts mehr bei lernen. Die Kinder sind jetzt allerdings involviert und werden später wieder auftauchen. Zunächst bringen die beiden Kleinganoven die Beute, die offenbar zu heiß ist, um sie einfach am Elbwald zwischenzulagern, lieber ihrem Chef. Der verweigert ihnen jedoch die ihnen zustehende Provision, weshalb es zu atemberaubenden Verfolgungs- und Kampfszenen kommt im Sven-Simon-Park - benannt nach dem Sohn des Verlegers Axel Springer, der am 3. Januar 1980, dem Tag der Beerdigung Rudi Dutschkes Selbstmord beging. Mich überkam dann doch ein etwas schlechtes Gewissen, in diesem Gedenkpark ausschließlich harte Action zu drehen. Und deshalb fügte ich noch die wie ich finde sehr anheimelnde Osterszene an, bei der zumindest kurz angedeutet wird, mit richtigen Eiern, dass man im zugemüllten deutschen Wald auch noch auf andere Dinge stoßen kann als auf vergrabenes Diebesgut und aus der Hand gekickte Knarren. Aber an dieser Stelle des Films eine große Versöhnung stattfinden zu lassen, das hätte auch wieder nicht in mein damaliges Konzept gepasst. Ich war seinerzeit schließlich nachhaltig beeinflusst von Filmemachern wie Helmer von Lützelburg und Sergio Leone.


Filmaushang-Fotos 'Ugly Times' (einzeln) (1986):

Filmaushang-Foto 'Ugly Times' (1986)

Filmaushang-Foto 'Ugly Times' (1986)

Filmaushang-Foto 'Ugly Times' (1986)

Filmaushang-Foto 'Ugly Times' (1986)

FRÜHWERK

Regisseur Hartmut Lühr über 'Ugly Times' (2)

Solche Landschaften, wie auch darauf folgend die Kiesgrube von Hamburg-Rissen, waren auch schon damals - bei den Dreharbeiten 1986 - beliebte Kulissen für zweitklassige Kriminalfilme.

Der Hintergrund war, von heute aus gesehen, also sehr passend gewählt. Der Chef sitzt bereits beobachtend oben auf dem Berg und wartet auf seine beiden ehemaligen heraufkletternden Handlanger. Die tun ihm dann auch gleich den Gefallen, in kleinkarierten Streit miteinander zu verfallen. Der endet darin, dass einer der beiden, gespielt von dem fabelhaften Abe Greenbaum, einen übereilten Abstieg auf´s Parkett legt. Man könnte im wortwörtlichen Sinn hinzufügen 'Hals über Kopf'. Apropos 'Kopf': Da der gefallene Kleinganove ja bereits zu Beginn des Films als besonders eitel dargestellt wurde, reicht der jetzt ebenfalls eintrudelnde Elbspaziergänger ihm erst einmal einen Kamm bevor er ihn zusammenschlägt. Es war mir damals ein Anliegen zu zeigen, dass man auch auf der unteren sozialen Skala zivilisierte Umgangsformen miteinander pflegen kann, soweit es die Situation erlaubt. Aber so ein 'bisschen' Prügel musste dann an der Stelle schon sein: Die Szene habe ich in dieser Version nur angedeutet, denn die möchte ich so extrem, wie wir sie damals aufgenommen haben, heute nicht mehr zeigen. Aber damals lief so etwas eben sehr gut in abgelegenen Bahnhofskinos. Alles deutet danach auf den zu erwartenden großen Showdown auf dem Berggipfel hin, wo der Schubsganove, die unbescholtene Spaziergängerin und der Boss, der sich im wirklichen Leben übrigens zu einem großen Tierfreund gemausert hat, aufeinander treffen. Aber ich wollte an dieser Stelle die Erwartungen der Zuschauer ganz bewusst enttäuschen und habe dann mit umfangreichen technischen Mitteln ein mittleres Erdbeben eingefügt - kommt in Hamburg öfter vor als man denkt ... . Es wurde daher dann schnell ungemütlich in der Kiesgrube und das veranlasst die Protagonisten zu einem erneuten Ortswechsel.

Zum Finale erscheint also die ganze Party auf einem nahegelegenen Spielplatz. Die Symbolik, die mir seinerzeit mit diesem Arrangement vorschwebte, war eine, mit der ich unzweideutig zeigen konnte, in welchen Lebensabschnitt meiner Meinung nach sinnlose, rohe Gewalt gehört. Ich denke die These, dass Brutalität nichts mehr für Erwachsene sein sollte, ist selten so deutlich bestätigt worden, wie in 'Ugly Times' - das rechne ich mir im Nachhinein schon an. Für die Kameraführung war dieser Spielplatz natürlich eine Herausforderung, die zugegebenermaßen nicht immer im Sinne der Zuschauer entschieden werden konnte. Es kommt, wie es kommen musste: Drei der fünf Akteure bleiben auf der Strecke. Wer sich in antiker fernöstlicher Literatur auskennt, der ahnt natürlich, dass gerade dieses Zahlenspiel 'drei von fünf' mir beim Schreiben des Drehbuchs besondere Freude bereitet hat: Was wäre die Popkultur ohne Anspielungen auf die Meister der Vorzeit ? Profis, die ihre Botschaften noch ganz ohne die modernen Filmtechniken verbreiten mussten ... . Sicher eine ganze Ecke schwarzweisser, würde ich meinen. Das Happy End zwischen der Spaziergängerin und dem uneitleren der beiden Kleinganoven habe ich später herausgeschnitten. Ich wollte den Film schließlich nicht ans ZDF verkaufen, sondern der Independent-Szene und den Feuilletons Material zum Profilieren geben. Und das ist mir schließlich gelungen.


Szenefotos 'Ugly Times' (1986):

Film-Standfoto 'Ugly Times' (1986)

Film-Standfoto 'Ugly Times' (1986)

Film-Standfoto 'Ugly Times' (1986)

Film-Standfoto 'Ugly Times' (1986)




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