der HÖRSPIELer: Interview mit Heikedine Körting





TEIL 1 des Interviews
...

Der 68er-Generation ist es zu verdanken, dass Zugangsbarrieren zum Unterhaltungsmarkt über die letzten Jahrzehnte durchlässiger wurden. Was zunächst die Chancengleichheit für Benachteiligte verbesserte, hat sich seit den 90ern umgekehrt und zu einer Vulgarisierung der Populärkultur geführt. Wie denken Sie über neue Medien, wie das Internet, und den Rückgang der Professionalität im kommerziellen Hörspielwesen ?

Mit der technischen Entwicklung der Medien ist das kulturelle Leben natürlich heftig in Bewegung geraten und viele Amateure stürmten die Bühnen. Das war aber nicht wesentlich anders in den Jahrzehnten zuvor. Schon immer wurde das kulturelle Leben durch `unprofessionelle´ Quereinsteiger dennoch belebt. Ich bin letztlich ja selber auch einer und auch immer `unprofessionell´geblieben: Grundsätzlich müsste man wohl Schauspiel, Regie, Tontechnik usw. studieren, um meinen Beruf `ordentlich´ zu betreiben. Habe ich alles nicht - mein Mann ist immerhin noch ausgebildeter Tontechniker. Dennoch habe ich die mir von ihm seinerzeit bei EUROPA gebotene Chance bekommen und auch nutzen können, denn bei den Unterhaltungsmedien ist `Unordentlichkeit´ oft von großem Vorteil, schon wegen der Improvisation oder beispielsweise dem Zulassen des Bauchgefühls. Eine gewisse `Vulgarisierung´ der Popkultur - wie Sie es nennen - gibt es wohl tatsächlich. Aber meiner Ansicht nach hat `Pop´ immer etwas Vulgäres, sonst wäre es kein Pop und hätte nicht diese starke Wirkung. Grundsätzlich bin ich ganz froh, dass es nicht mehr die ungleiche Wertung von klassischer Musik und Unterhaltungsmusik gibt oder die strikte Trennung von Kunst und Kitsch. Wer will schon beurteilen, was gut oder schlecht ist ?

Sie beispielsweise müssen das doch tun als Hörspielproduzentin: Wenn Sie in Ihrem Studio mit jungen Menschen konfrontiert werden, denen der Zeitgeist sagt `Du musst einen kreativen Beruf ergreifen´, denen aber leider die hörbare Begabung für das Metier `Schauspiel´ fehlt, dann müssen Sie sich doch auch irgendwie dazu verhalten. Wird nicht teilweise von der Unterhaltungsindustrie (z.B. bei `Deutschland sucht den Superstar´) ein unschönes Spiel mit unsicheren jungen Leuten getrieben, denen niemand ehrlich sagt `Ergreife doch lieber einen Beruf, der Dir mehr liegt´ ?

Heikedine Körting, 2007 Natürlich werden in der heutigen Medienwelt viele Menschen, ob nun ohne aber durchaus auch mit Talent `verheizt´. Junge Leute haben es heute leichter, in die Medien zu kommen - es gibt mehr Zugänge als früher. Aber das Reinkommen ist einfacher, als den Beruf dann letztlich auszufüllen und sich dauerhaft zu halten. Ich denke, junge Menschen haben bei dem großen Angebot heute nicht mehr genug Zeit, sich auszuprobieren, alles zu wollen und in vieles hineinzuschnuppern. In vielen Schulen werden musische Fächer nicht mehr ausreichend gelehrt. Es mangelt daher an Sicherheit und Harmonie. Die Prophezeihung von Andy Warhol, dass jeder für 15 Minuten ein Star sein kann, ist ja eher ein Witz, der sich vielleicht im Traum erfüllt.
Daher würde ich jedem empfehlen und tue das auch immer wieder bei jungen Schauspielern, wenigstens ein `Basiskönnen´, das einem niemand nehmen kann, wirklich zu beherrschen. Auch wenn man später einen anderen Beruf ergreift, ist dies doch enorm wichtig für das eigene Selbstbewusstsein. Bei mir war dies Jura mit dem zweiten Staatsexamen und später auch eine eigene Anwaltskanzlei. Vorher wurde ich vielleicht von dem einen oder anderen Hörspielkollegen belächelt als Freundin von Herrn Dr. Beurmann. Das hörte dann auf als ich in meinem Briefkopf `Rechtsanwältin´ stehen hatte.

Von den Pädagogen wurden Sie wie andere Hörspielmacher in den 60er und 70er Jahren aber dennoch ignoriert. Freundlich ausgedrückt.

Für viele von denen war es bereits eine Provokation, dass ich stets versucht habe, ehrlich mit den Kindern umzugehen und positive, konstruktive Stoffe bevorzugte. Schallplatten waren in den 70er Jahren bereits ein enorm verbreitetes Medium in Westdeutschland, welches man von pädagogischer Seite eigentlich nicht ignorieren konnte. Aber KEIN Lehrer wollte sich in der Öffentlichkeit damit auseinandersetzen. Sie ließen die Kinder die Platten hören, weil sie es nicht verhindern konnten und waren dennoch der Meinung, die Kleinen verlernten dadurch das Lesen. Dabei verkannten sie völlig, dass die Kinder damals schon gar nicht mehr richtig lesen konnten - nicht zuletzt dank der seinerzeit modernen `Ganzwort-Methode´. Ich hatte damals Kinder bis zu 14 Jahren zum Vorsprechen im Studio, die nicht einen einzigen Satz ordentlich vortragen konnten. Ich habe häufig versucht, mich mit Lehrern zusammenzusetzen, um zu sehen, wie man am besten mit der Medienflut, von der wir ja ebenfalls ein Teil -wenn auch kein schlimmer- waren, umgehen könnte. Aber ich vermochte niemanden dafür zu gewinnen. Die Lehrer haben sich die Stücke nie ganz angehört, sondern waren stets entsetzt wegen der vielen Geräusche, die in unserern Produktionen zu hören waren und an denen die Kinder Spaß hatten.
Das ist heute glücklicherweise ganz anders: ca. 2800 Schulen haben sich gerade an unserem TKKG-Hörspielwettbewerb beteiligt, bei dem ein von unserem Autor vorgegebener Anfang von den Schülern fortgesetzt wird. Unterstützt selbstverständlich von den Lehrern. Dennoch bleibt in meinen Augen das Problem, dass die Kinder der unteren und mittleren Schichten im Kindergarten zu wenig Anregungen bekommen. Und leider auch in den Familien, in denen häufig die Großeltern fehlen - und sei es `nur´ zum Märchenerzählen.

Frau Körting, vielen Dank für das Gespräch.


Foto mit freundlicher Genehmigung durch Heikedine Körting.


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