der HÖRSPIELer: Interview mit Heikedine Körting




HÖRSPIELERIN

`Kann ich nicht´ gibt es nicht

Eine gewisse Hörspielerin, nicht gerade ganz erfolglos und zum Glück recht auskunftsfreudig, traf der HÖRSPIELer in Hamburg zum Gespräch über Emanzipation, Professionalität und über Pädagogik: Eines der raren Interviews mit Heikedine Körting.

Heikedine Körting hat wie kaum jemand das Bild des Kaufhörspiels für kindliche und jugendliche Hörer in Deutschland geprägt. Serien wie `Die drei Fragezeichen´, `Hanni und Nanni´, `Commander Perkins´, `TKKG´, die `Neon-Grusels´, `Larry Brent´ und `Macabros´ erwiesen sich im Rückblick als stilbildend für das moderne Jugendhörspiel. So gaben die von der Juristin und ihrem Gatten Dr. Beurmann für das EUROPA-Label entwickelten Serien und Einzeltitel in der Bundesrepublik ab Ende der 60er bis in die 90er Jahre hinein in Sachen Qualität und Innovation eindeutig den Ton an. Allenfalls Gruner & Jahr konnten dabei zeitweilig mithalten. Heikedine Körting, 2007Seit Beginn des neuen Jahrtausends machen viele neue Hörspiellabels, welche die Vorteile des Internets für sich nutzen, vor allem mit Horror und harten Krimis von sich reden, während man bei EUROPA auf weniger schrille Töne setzt.
Ein Großteil der Veröffentlichungen dieser neuen Produzenten verdeutlicht, dass schlüssige Drehbücher, solide Regiearbeit und professionelle Sprecher, wie sie EUROPA unter Heikedine Körting und ihren Mitarbeitern über Jahrzehnte hinweg garantierten, keinesfalls selbstverständlich sind. Die hin und wieder in diversen Internetforen laut werdende und oft ins Persönliche abdriftende Kritik an Frau Körting mutet im Hinblick auf ihre Verdienste um das Medium, das vielen sehr am Herzen liegt, ausgesprochen kleinkariert an. Der HÖRSPIELer freut sich, Deutschlands erfolgreichste `Märchentante´ (Guinness-Buch der Rekorde) zu vergangenen sowie aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, die auch auf ihre Arbeit im Medien- und Kulturbetrieb Auswirkungen haben, in Hamburg befragen zu dürfen. Das Interview fand im Juni 2007 statt.


INTERVIEW TEIL I

Heikedine Körting [im ihrem Studio]

(der HÖRSPIELer:) Der zunehmende Erfolg der EUROPA-Schallplatten fiel zeitlich mit der internationalen sowie der westdeutschen Studentenbewegung zusammen. Auch Sie wurden während Ihres Jura-Studiums in Hamburg mit dem entsprechenden Gedankengut konfrontiert. Haben die linken Ideale der 68er-Generation Sie beeinflusst - beispielsweise in Bezug auf Karriere, Familie und Männer ?

(Heikedine Körting:) Ich habe damals einige Vorteile der Emanzipation registriert ohne jedoch persönlich darauf angewiesen gewesen zu sein, denn ich kann sehr gut mit Männern arbeiten. Auch hatte ich als Frau nie das Gefühl des Ausgeschlossenseins nach dem Motto "Du nicht !". Von meinem Vater bekam ich häufig zu hören "Kann ich nicht gibt es nicht !" - das galt für Mädchen und Jungen gleichermaßen, denn ich bin ja mit Brüdern aufgewachsen, also in einer männlich dominierten Welt. Von Kind an war ich eher ein aktiver Mensch, weniger ein verspielter oder verträumter. Für Schminken oder Mode habe ich mich nie besonders interessiert, denn ich habe lieber selber schaffen und machen wollen.
Meine Tante und meine Großmutter waren äußerst selbständig und auch beruflich erfolgreich. Meine Mutter allerdings hatte sich ganz auf die Familie konzentriert, wovon wir alle sehr profitierten und was ich selbst heute noch vermisse.

Heute wachsen viele Ihrer jungen Hörer mit nur einem Elternteil auf.

Heikedine Körting, 2007

Dieses Nichtaufgehobensein ist sicher schlimm für Kinder. Viele Mütter bilden sich ja ein, dass sie ohne Vater erziehen können - ich bin allerdings der Auffassung, dass ein Vater für jedes Kind dringend dazu gehört. Andererseits: Was sollen die Frauen machen, wenn sie heute zu keinem Partner mehr Vertrauen fassen können, um mit ihm viele Jahre oder möglichst sogar ein ganzes Leben zu verbringen ? Vielleicht sollte man die Unterschiede zwischen Männern und Frauen wieder etwas mehr betonen, damit die gegenseitige Anziehung größer wird und die Partner motivierter sind, Konflikte gemeinsam durchzustehen und den Kindern damit ein Vorbild abzugeben. Denn woher sollen Mädchen und Jungen das Bewältigen von Krisen lernen, wenn nicht von beiden Elternteilen ? Das ist möglicherweise leichter gesagt als getan: Die Zeiten sind nun einmal schnellebig, egoistisch, kommerziell - nach dem Motto `carpe diem´ ... daher gibt es leider auch so viele `Problemkinder´. Ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass ich noch in einer richtigen und behüteten Familie aufwachsen durfte.

Neueren Familienmodellen sowie der Aufhebung traditionaler Frauen- und Männerrollen stehen Sie demnach skeptisch gegenüber ?

Man sollte Frauen, die es wollen, die Karrieremöglichkeiten nicht verwehren. Aber durch die Fixiertheit auf Beruf und Karriere bringen sie sich auch um sehr viele schöne Dinge für eine Frau: Bevor sie alles selber in die Hand nahmen, brachten ihnen Jungen und Männer häufig mehr Achtung entgegen, was heutzutage ziemlich untergeht. Als ich anfing zu studieren, hatte ich ebenfalls noch Träume von einer eigenen großen Familie. Das war aber leider diese unselige Zeit, in der die Frauen erstmals in der Geschichte -nach Erfindung der Pille- selber über die Familienplanung entscheiden konnten und zunehmend auch mussten - selbst wenn viele wie ich noch weitgehend unerfahren waren. Außerdem galt `frau´ unter Gleichaltrigen als dumm, wenn sie bei einer ungeplanten Schwangerschaft nicht nach Holland fuhr und das `Problem´ beseitigte. Diese Entscheidungen zu Zeiten der `freien Liebe´ hatten ungerechterweise ganz überwiegend die Mädchen und Frauen selbst zu treffen. Für mich war damals klar: Familie oder Karriere, denn ich war und bin der Ansicht, dass Frauen beidem gleichzeitig nicht gerecht werden können. Mein Lebensweg hat mich dann glücklicherweise mit einem Mann zusammengeführt, mit dem zusammen ich schaffen und machen konnte, wie ich es wollte. Und unser Haus ist heute dank einiger Patenkinder, Nichten und Neffen glücklicherweise dennoch selten kinderleer.

Und was denken Sie über die jungen Männer von heute ?

Die sind meiner Ansicht nach total verunsichert, wissen nicht mehr, was eigentlich angesagt ist , was von ihnen verlangt wird und tun sich deshalb verständlicherweise schwer damit, die eigene Rolle zu finden. Mir tun die jungen Männer leid - ich denke, deren Belastung ist viel größer als früher. Was das anbelangt, wäre es sicher einfacher, wenn junge Frauen heute wieder etwas femininer wären. Aber das müssen sie natürlich selber entscheiden. Ganz generell denke ich - und betone das auch, wo ich kann - dass beileibe nicht nur ein kleiner Unterschied zwischen Männern und Frauen besteht.
Die Krise der Familie hat meines Erachtens allerdings wenig mit nachlassender Anziehungskraft zwischen Männern und Frauen zu tun. Die besteht seit Adam und Eva und wird durch soziokulturelle Veränderungen prinzipiell nicht beeinflusst. Emanzipation hat tatsächlich stattgefunden, das ist sehr begrüßenswert. Gleichzeitig hat sie viel Verunsicherung und Erschütterung der Familienstrukturen verursacht. Aber dafür ist nicht die Emanzipationsbewegung verantwortlich sondern generell die Widersprüche der modernen Welt.
tom & locke - Flyer Einen eigenen medialen Ansatz zu diesem Thema habe ich übrigens in unserer Jugendserie `Tom & Locke´ von Stefan Wolf verfolgt, bei dem wir den Hörern ein gemischtes Detektivduo geboten haben: Der Eine eine richtige `Jungspartie´ und die Andere eine richtige `Mädchenpartie´, die trotz aller geschlechterspezifischen Eigenheiten gut miteinander harmonierten. Das hat mir damals (1982) besonders viel Freude bereitet. Wenn ich die Wahl hatte, soziale, ethische oder auch religiöse Ausführungen unserer Hörspielautoren entweder im Hörspiel zu belassen oder herauszuschneiden, dann habe ich mich immer nach Kräften bemüht, diese Parts nicht herauszukürzen.

Wertevermittlung z.B. über altbewährte Märchen sind ja ein `Steckenpferd´ von Ihnen. Funktioniert das auch noch im Jahr 2007 ?

Meines Erachtens, ja. Denn der Zauber von Märchen hat nichts mit kulturellen Veränderungen zu tun. Er beruht auf `einfachen´, `ewigen´ menschlichen Bedürfnissen wie Träumen und Erkenntnis. Darum finde ich es auch sinnlos, Märchen zu `modernisieren´, wie es vor vielen Jahren Praxis war, als EUROPA mit seinen konventionellen Märchen-Produktionen erfolgreich auf den Markt kam. Zu diesen Zeiten, als ich bei der Firma meines Mannes anfing, waren Geschichten wie `Hänsel und Gretel´ verpönt. Diese wurden von der Konkurrenz allenfalls in ein modernes Kaufhaus geschickt. Dabei unterschätzte man allerdings die Fähigkeit der Kinder, die alten Geschichten sehr wohl in das heutige Leben zu übertragen. Was wurden wir seinerzeit angegriffen ! Märchen waren ja das Hinterletzte ...
Froschkönig-Cover Ich habe mich immer gegen diese `Entzauberung´ der Geschichten gewehrt. Was wäre denn am `Froschkönig´ noch dran, wenn man den König und seine Tochter als irgendeinen reichen Boss und seine verwöhnte Tochter á la Paris Hilton darstellen würde ? Nein, Märchen spiegeln nicht die Gesellschaft, sie zeigen nur, womit Gesellschaften zu tun haben: mit Menschen und ihren vielen Unterschieden. Daher mache ich mir auch keine Sorgen um den Verlust des Zaubers oder der Faszination traditioneller Geschichten - sie werden immer ihre positive Wirkung haben. Das können wir herrlich an kleinen Kindern bemerken, wenn wir ihnen vorlesen oder ihnen entsprechende Hörspiele bieten.


... weiter mit TEIL 2 des Interviews


Fotos und Illustrationen mit freundlicher Genehmigung durch Heikedine Körting.


der HÖRSPIELer: Interview mit Jens Wawrczeck
Impressum




Zum HÖRSPIELer-Portal



moderne21



provokative Hörspiele
provokative Hörspiele
LEO GRELLER & CO

Science-Fiction-Hörspiele
Science-Fiction-Hörspiele
P. RHODAN & CO




Hochtrabend und Anmaßend
Essay: Niveau-Drücker
Essay: Lärm um nichts
Rede: Zustand des Hörspiels




Drei-Fragezeichen-Kurzrezensionen
Drei-Fragezeichen-Kurzrezensionen
PETER SHAW & CO

Dan-Shocker-Kurzrezensionen
Dan-Shocker-Kurzrezensionen
LARRY BRENT & CO




Empfehlungen (externe Links)
???-Fanprojekt: rocky-beach.com




Die besten öffentlich-rechtlichen Familien-Hörspiele nach Meinung des HÖRSPIELers (inklusive Gender/Feminismus/Lesben) | Ranking

TOP-2 des HÖRSPIELers
Gender-Hörspiele (chronolog. Ranking)
(Familie / Feminismus / Lesben etc.)

Geschichten der drei Damen K.
A: H. Sander | B: Christa Maerker | S: 82 M.
R: Ursula Weck | P: SFB/SWF 1989
D: Ingrid van Bergen, Maren Kroymann u.a.

Und/Oder - ein Radiostück für
ein Bild, Musik und drei
Schauspieler
A: Judith Herzberg | Ü: Rosemarie Still
R,B: Jörg Jannings | S: 72 Min.
P: NDR/SFB/SDR 1990 | D: Brigitte Röttgers,
Angelika Thomas, Detlef Jacobsen

A=Autor | B=Bearbeitung | D=Darsteller
P=Produkt. | R=Regie | S=Dauer | Ü=Übersetz.