EINLEITUNG Wie wirken massenmediale Gewaltdarstellungen auf das soziale Handeln Jugendlicher ? Diese Frage beschäftigte bereits Generationen von Wissenschaftlern. Zum Thema `Wirkungen von Mediengewalt´ existieren weltweit schätzungsweise über 5000 Studien, deren Befunde einander z.T. völlig widersprechen. Auch ist die Prognosefähigkeit von Medienwirkungen immer noch erstaunlich gering.
Die Unterstellung, die von Öffentlichkeit und Teilen der Politik gegen die elektronischen Massenmedien erhoben wird, ist die,daß ein Zusammenhang existiert zwischen dargestellter Mediengewalt auf der einen und dem Auftreten tatsächlicher Gewalt auf der anderen Seite. Die Relevanz der Fragestellung `Einfluß medialer Gewaltdarstellungen auf Jugendliche´ erweist sich unter anderem in der Tatsache, daß sich in den letzten Jahren kriminelle Jugendliche immer häufiger auf die Massenmedien als Motivliefernaten für ihre Gewalttaten berufen.
Gewalt ist ein schon lange nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-Unterhaltungsprogramms in den Massenmedien. Mit dem Einsatz von Gewalt kann schnell Spannung aufgebaut werden (sowohl mit Nachrichten- als auch mit erfundener Gewalt).
Der HÖRSPIELer hält es für zulässig, Ergebnisse der Medienwirkungsforschung, die haupsächlich audiovisuelle Medien wie TV, Videos, Filme usw. untersucht haben, auf das Medium Hörspiel zu übertragen: Je nachdem, in welchem Lebenszusammenhang Hörspiele konsumiert werden und welches Maß an Aufmerksamkeit ihnen gewidmet wird, können diese gerade auch von jugendlichen Rezipienten (Zuhörern) äußerst intensiv wahrgenommen werden.
Gerade im kommerziellen Hörspielbereich existieren sehr viele Titel, die violente Inhalte an den jugendlichen Konsumenten bringen wollen (z.B. John Sinclair- oder Dan Shocker-Gruselhörspiele, neuer Trend sog. `Splatter-Hörspiele´; selbst Sailor Moon-Hörspiele, die mehrheitlich von Mädchen gehört werden). Wie schon bei den elektronisch-visuellen, so erweisen sich ebenso bei den auditiven Massenmedien die privaten Anbieter bedauerlicherweise als Pioniere bzgl. des Auslotens der Frage, wieviel Gewaltdarstellung Kindern und Jugendlichen zugemutet werden kann. Und die öffentlich-rechtlichen Anbieter sehen sich daher mit zeitlicher Verzögerung immer wieder ebenso veranlaßt, bisher gültige Hemmschwellen in Frage zu stellen.
MEDIENWIRKUNGSFORSCHUNG Die moderne Medienwirkungsforschung untersucht weniger Medienwirkungen als daß sie sich für das kommunikative Verhalten der Rezipienten interessiert: `Warum suchen bestimmte Akteure in bestimmten sozialen Situationen bestimmte Inhalte ?´. Die Rezipienten bestimmen nach Bonfadelli demnach in Abhängigkeit ihrer Bedürfnisse, Probleme und Erwartungen, ob und wie sie bestimmte Inhalte nutzen oder nicht. Man geht davon aus, daß Massenmedien Einstellungen, Wissen, Emotionen und Verhalten von Rezipienten beeinflussen können. Nach Bonfadelli verstärken Massenmedien übrigenseher bestehende Einstellungen bei Menschen als daß sie diese zu verändern vermögen.
Ein Knackpunkt bei der Medienwirkungsforschung ist das vereinfachte Ursache-Wirkungs-Denken, das von ihr immer wieder von Öffentlichkeit und Politik erwartet wird, um komplexe Zusammenhänge möglichst simpel zu erklären. Dies greift jedoch zu kurz. Direkte Wirkungen sind zweifelhaft. Nach Röser darf von analysierten Medieninhalten alleine nicht auf deren Wirkung geschlossen werden. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, innerhalb derer Gewalt konsumiert wird, müssenals intervenierende Variablen erkannt werden. Rezipienten sind also keine PASSIVEN WIRKUNGSOBJEKTE.
Überspitzt könnte man sogar wie Merkert fragen, ob die Mediengewalt die reale Steigerung von Aggressionspotentialen bewirkt, oder ob nicht eine immer gewalttätigere Gesellschaft verantwortlich für immer violentere Medieninhalte ist.
An dieser Stelle seien kurz 3 populäre Erklärungsversuche für Medienwirkungen vorgestellt (nach Grimm):
- die STIMULATIONstheorie (Frustrations-und Aggressionshinweise werden miteinander verknüpft; Gewalt wird gelernt und bei Gelegenheit ausagiert),
- die KATHARSISthese (Aggressionsreduktion durch Kompensation aggressiver Triebe durch Mediengewalt),
- LERNtheorien (negatives Lernen aus Medieninhalten als Gegenteil von Vorbildlernen).
Grimm merkt hierzu an, daß violente Medieninhalte interessanterweise so oder so von irgendwie bereits gewaltdisponierten Personen konsumiert werden.
Im Bereich der empirischen Foschung dominierten leider lange Zeit eher quantitative Untersuchungen (sog. `Leichenzählstudien´), die wenig über die Wahrnehmung von Gewalt durch die Rezipienten aussagt.
Merkert provoziert mit einer Frageund einer Feststellung zur Medienwirkungsforschung:
FRAGE: `Ist Medienwirkungsforschung nicht eigentlich überflüssig?´
Der gesamte kommerzielle Fernsehbereich geht schließlich von effektiven Medienwirkungen aus, sonst würden insbesondere in die Werbung nicht jedes Jahr Milliarden investiert. Wenn Werbung wirkt, dann müssten Gewaltdarstellungen genauso Wirkungenauf die Zuschauer haben (freilich anderer Art).FESTSTELLUNG: `Gefahren durch Fernsehgewalt werden als um so größer dargestellt, desto weniger wissenschaftlich die Forschung diesbezüglich verfährt.´
(bleibt an dieser Stelle unkommentiert)
FERNSEHGEWALT
In seiner Fernsehgewalt-Studie von 1998 versucht Grimm erstmals, kognitive und physiologische Ansätze der Medienwirkungsforschung stärker zu integrieren: Nicht nur psychische Vorgänge sondern auch körperliche Vorgänge innerhalb der Rezipienten sind relevant.
In seiner Studie begründet er, warum Fernsehgewalt teilweise sogar anti-aggressive Wirkungen auf ihre Zuschauer haben kann. So entscheidet seiner Ansicht nach z.B. der dramaturgische Aufbau eines Films, ob Gewalt zur Nachahmung anregt oder eher abschreckend wirkt. Besonders problematisch sind Geschichten mit einem für die Zuschauer unbefriedigenden, offenen Ende. Hier kann durch das Fernsehen erzeugte Aggression nicht abgebaut werden, sondern wird in die Zeit nach dem Fernsehkonsum mitgenommen. Einweiterer Aspekt ist der, daß Grimm es für Jugendliche im sensiblen Alter als nützlich erachtet, wenn diese mit aus TV-Gewaltdarstellungen resultierender Angst umzugehen lernen (durch Angst- Management).
Grimm relativiert diese z.T. als antiviolent einzustufenden Wirkungen von TV-Gewalt allerdings für unterprivilegierte Jugendlichemit wenig Medienkompetenz, auf die Gewaltdarstellungen eine negative Wirkung haben können. Hierfür können seiner Meinung nach aber nicht primär die Massenmedien verantwortlich gemacht werden.
RESÜMEE
Die Öffentlichkeit hat nach wie vor eine gänzlich andere Meinung zu den Wirkungen von Mediengewalt als die Wissenschaft. Nach wie vor sehr populär ist die STIMULATIONStheorie(s.o.) - vermutlich weil sie so schön griffig ist und daher komplexitätsreduzierend wirkt. Auch die Politik macht die Medien immer wieder gerne zum Sündenbock für eine verfehlte Familien- und Jugendpolitik.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß das Wirkungspotential von Mediengewalt in den letzten Jahren von der Medienwirkungsforschung mehr und mehr relativiert wurde, wenngleich es andererseits allerdings auch kaum noch seriöse Wissenschaftler gibt, die Mediengewalt als für Jugendliche völlig unbedenklich einstufen.
verwendete LITERATUR
BONFADELLI, Heinz (1998): Einführung in die Medienwirkungsforschung.Zürich
GRIMM, Jürgen (1999): Fernsehgewalt - Zuwendungsattraktivität,Erregungsverläufe, sozialer Effekt. Opladen/Wiesbaden
HUNZIKER, Peter (1996): Medien, Kommunikation und Gesellschaft.Darmstadt: 2.Aufl.
LODE, Stefan (1998): Gewalt im Fernsehen. Entwicklungund Wirkung von Gewalt im Fernsehen
- verfassungsrechtliche Vorgaben und bestehende Regularien.Münster, S. 24-53 (Dissert.)MERKERT, Rainald (1999): Endlose Gewalt. Über dieGrenzen der empirischen Medienforschung. In: Funkkorrespondenz, Jg. 31.Köln, S. 3-5
RÖSER, Jutta (2000): Fernsehgewalt im gesellschaftlichenKontext. Wiesbaden, S. 16-42
SCHULZ, Wolfgang (2000): "Menschenwürde" im Konzeptder Regulierung medialer Gewaltdarstellungen.
In: Medien & Kommunikationswissenschaft, Jg. 3. Baden-Baden,S. 354-370