Abortive GaspAbortive Gasp




Ludo Kamberleins Rezensionen der drei ABORTIVE GASP-Alben:


Abortive Gasp - To Have The Second Crack (Album)'To Have The Second Crack' war entgegen seinem Titel das erste Album der Hamburger Elektro-Kombo ABORTIVE GASP. Die Rumpfmusik der sehr experimentellen Songs stammt von Harry Luehr, fertig abgemischt wurden die Tracks über ein Jahr 1989 später im 'Deutschen Elektronen Synchroton' (DESY) in Hamburg-Bahrenfeld mit den Lyrics von Sänger Tim Paal. Die Physiker von DESY stellten der Band für dieses sowie die nächsten zwei Alben ein großes Auditorium zum Proben und Aufzeichnen zur Verfügung, das tagsüber von den Naturwissenschaftlern nur selten genutzt wurde. Dass die teilweise nur wenige Meter unter der Band in endlosen Röhren mit annähernder Lichtgeschwindigkeit beschleunigten kleinsten physikalischen Teilchen spirituellen oder zumindest elektromagnetischen Einfluss auf Musiker und Sound über ihnen gehabt hätte, wurde von Paal und Luehr stets bestritten - aber wer wollte dies schon mit letzter Gewissheit ausschließen ? Zumal die Aufnahmen von ABORTIVE GASP aufgrund ihres Dub- und Impro-Charakters stets einen sehr großen Live-Charakter hatten und somit die unmittelbare Umgebung auf die Aufzeichnungen einen größeren Einfluss ausübte als etwa auf Musikmaterial, das nach dem Einspielen noch umfangreich in diversen Tonstudios nachbearbeitet worden wäre.

Abortive Gasp - Electro Industrial Bis auf wenige Ausnahmen haben die Songs wegen zahlreicher Pre-Ambient-Elemente und oft eingesetzten Hall-Effekten einen eher ruhigen Charakter. Deshalb ist auf dem legendären Motor-Dummy-Cover aus der Feder von Paal vermutlich auch der ironisch bis leicht hilflos anmutende Hinweis vermerkt 'To Have The Second Crack' sei keine 'Electronic Body Music' (EBM), sondern einfach ein 'steriles und hypnotisches Dilemma'.

Atmosphärisch erinnern viele der eher simpel aufgebauten Songs auf 'Second Crack' an die frühen Aufnahmen von CABARET VOLTAIRE, PORTION CONTROL oder SKINNY PUPPY, ohne meistens deren Genialität wohl aber teilweise ihre Ursprünglichkeit und stilistische Aufgeschlossenheit zu erreichen. Hervorzuheben sind mit 'Bye Bye, Honey' und 'Church Is Empty' zwei Titel, die mit wohltuend ruhiger Hand an den Synthies und Samplern eine gelungene Melange aus frühem EBM/Industrial und experimenteller Elektromusik lieferten. Und auch der allererste ABORTIVE GASP-Song 'Experimental Surviving' kann mit seinem Cyborg-Stil im NITZER EBB/DAF-Gewand überzeugen und auf die Tanzfläche locken.



Abortive Gasp - Raw Scent (Album)Ihr zweites Album 'Raw Scent' nahmen ABORTIVE GASP im Winter 1988/89 in Hamburg auf. Was den Grad der Improvisation anbelangt, bildet es eine Ausnahme, da Luehr und Paal dieses Mal viel mehr auf feste Songstrukturen setzten als bei anderen Aufnahmen. Dies lag auch daran, dass man für 4 Titel in ein konventionelles Tonstudio (Lamplight Hamburg) ging und dort auf wenig experimentierfreudiges Personal traf. Daher klingen viele der Songs auf 'Raw Scent' recht solide und nahezu radiotauglich, was zumindest für die erste Version von 'Psychgod' auch genutzt wurde. Aber auch andere feststrukturierte und treibende Songs, wie 'Morph Pusher' und 'Reckon On You' weisen dieses Album eindeutig dem Genre der 'EBM' zu, wenn auch mit starken Industrial-Anteilen.

Außer im von Hippie-Energie beseelten 'Lamplight'-Studio wurden die restlichen Songs wieder bei DESY aufgenommen, was diesmal leider negative Auswirkungen auf die Klangqualität hatte. In diese Zeit fiel ungefähr der allgemeine Übergang von analoger Musikaufzeichnung hin zu digitaler, hier waren ABORTIVE GASP trotz High-Tech-UmfeldAbortive Gasp - EBM / Electronic Body Music in Bahrenfeld hörbar nicht ganz auf der Höhe der damaligen Aufnahmetechnik.

Wie schon britische Musiker aus dem Independent-Bereich verspürten ABORTIVE GASP einen Drang, sich kreativ an der damalig amtierenden konservativen Premierministerin Margaret Thatcher abzuarbeiten: Sie ist mit einigen Soundsamples auf 'Media Overload' zu hören und schmuckt außerdem mittels Fotomontage das auf dem Albumcover befindliche Gruppenfoto, wo sie das heimliche dritte Bandmitglied überdeckt, von dem mittlerweile lediglich bekannt ist, dass es sich nicht wie zeitweilig vermutet um Carsten Friedrichs von SUPERPUNK handelt. Anders jedoch als diverse Britwaver, wie GARY CLAIL, PETER HOPE oder ADRIAN SHERWOOD hatte ABORTIVE GASPs Verwendung Thatchers eher humoristischen als politischen Charakter, womit sich wieder bestätigte, dass Paal und Luehr überhaupt nicht daran dachten, irgendeine andere Haltung als eine juvenil Hedonistische einzunehmen. Letzteres war vermutlich auch ein Grund dafür dass es zwischen ABORTIVE GASP und anderen Bands und Musikern nie zu nennenswerten Kooperationen kam.



Abortive Gasp - Bullfrog (Album)Das dritte und letzte Album 'Bullfrog' von 1989 markiert den Höhepunkt von ABORTIVE GASP. Die Electro/Industrial-Songs sind ausgereift und oftmals waghalsig wild abgemischt, was aber ganz überwiegend sehr gut gelang im Hamburger DESY-Komplex. Der von Paal gewählte Albumtitel sowie das zugehörige Cover erinnern in ihrer infantil anmutenden Art an MONTY PYTHON oder auch à;GRUMH..., womit er sich gegen den stets nüchterneren Stil von Luehr durchgesetzt haben dürfte.

Aus dem vorigen Album wurden mit 'Psychgod' und 'Media Overload' zwei Songs nochmal in einer neuen Version aufgenommen, weil sie sich im internationalen Airplay der Gruppe (Belgien, USA, Australien) inzwischen mehr als bewährt hatten. Der wichtigste 'konventionelle' Industrial/EBM-Song war 'Humanity', der vielen Fans als der wichtigste der Gruppe gilt - zwar wiederum nicht politisch, aber zumindest etwas philosophisch in der Grundhaltung. Die restlichen Industrial-'Pop'songs des Albums überzeugen durch ihre beim improvierten Live-Mixen entstandenen nahezu kryptischen Strukturen, die man damals allenfalls noch bei MARK STEWART hören konnte. Hier ragt besonders das dadaistisch angehauchte prosexuelle 'Blockhead' hervor, Abortive Gasp - Dark Waveaber auch Titel, wie 'Sororicide', 'Manipulated' und 'No Limits' (offenbar unvermeintliche prototypische New-Wave-Namensgebung) halten den Spannungsbogen des Albums bis zum Schluss aufrecht. Als stilistische Besonderheit muss noch 'Cripple Stomp' genannt werden, die als Dark-Wave/Italo-Disco-Symbiont beschrieben werden kann, der atmosphärisch an VANGELIS´ Soundtrack für 'Blade Runner' erinnert. Wo findet man so etwas sonst ?

Paal bringt auf Bullfrog erneut stimmliche Bestleistungen: Bei 'Humanity' sind seine Schreie kaum noch von einer gequälten E-Gitarre zu unterscheiden. Und auch der klandestine dritte Mann von ABORTIVE GASP vollbringt beim Sample-Einsatz sowie beim Abmischen zusammen mit Luehr streckenweise kleine Wunderwerke. Nach 'Bullfrog' konnte sich die Band getrost auflösen, denn ein besseres Zusammenspiel der Protagonisten war eigentlich kaum noch denkbar und möglicherweise auch nicht wünschenswert, wenn man denn den Underground-/Independent-Bereich wirklich nicht verlassen wollte.


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Tracklist

TO HAVE THE SECOND CRACK

Inferno State
Goodbye 80s
Shake The Foundation
Church Is Empty
Experimental Surviving
Intermixed Corruption
Open Minded
Chemical Senses
AUDIO


Tracklist

RAW SCENT

Psychgod
Archaeology
Bastard Outrage
Hymn Of Fools
Rival Tribes
Raw Godhood
Reckon On You
Invest In Fools
Ultimate Defense
Morph Pusher
Media Overload
AUDIO


Tracklist

BULLFROG

Media Overload
Humanity
Psychgod
Manipulated
Hounted House
Cripple Stomp
Blockhead
Product Control
Fearless
Spilled Out
AUDIO