der HöRSPIELer - Informationen über das Königsmedium



IM GESPRÄCH

Hörspiele unter Corona

+ Der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow giftet über die wegen der renitenten CDU-geführten Regierung Sachsen-Anhalts ausbleibende Erhöhung der Zwangsgebühren. Der mit einem Jahresgehalt von rund 400.000 € (das ist ungefähr das 13-fache, was eine Altenpflegerin verdient, die tatsächlich eine gesellschaftlich wertvolle Arbeit verrichtet) ausgestattete Buhrow sorgt als Intendant des Westdeutschen Rundfunks via betreutem Denken verlässlich seit 2013 mit dafür, dass weder die Regierungspolitik seines Bundeslandes noch die der Bundesrepublik im öffentlich-rechtlichen Rundfunk angemessen kritisiert werden.
Man würde es im Programm deutlich sehen und hören, wenn es zu keiner Beitragserhöhung käme, so war es von Buhrow jüngst zu vernehmen - wobei Hörspielliebhaber sich fragen, womit der Merkel-Vasall den Freunden des Königsmediums eigentlich genau drohen will: Nicht zuletzt der WDR als größte Sendeanstalt der ARD hat sich schließlich seit annähernd zwei Jahrzehnten als nachhaltigster Totengräber des bundesdeutschen Hörspiels profiliert, der unbequeme und gegen den Zeitgeist ausgerichtete Stücke konsequent zugunsten Werken voller Nudging und Framing von den Sendeplänen ausschloss. Das Kind ist also aus Sicht nichtideologisch geprägter Hörspielhörer schon lange in den Brunnen gefallen, wofür mangelnde Gebühreneinnahmen mit Sicherheit nicht der Grund waren. Vielleicht sollte sich jemand erbarmen und diese Einsicht vorsichtig an den schwerreichen Scherzkeks und Seniorenverunglimpfer herantragen, denn dass er sich dazu herablässt, höchstselbst diese Zeilen zu lesen, damit ist vermutlich eher nicht zu rechnen. +

+ In Friedrich Dürrenmatts Groteske über einen bizarren Streit Der Prozess um des Esels Schatten wird es als völlig normal dargestellt, dass selbst liebende Ehemänner ihre Frauen von Zeit zu Zeit prügeln. War der weltbekannte Schweizer Dramatiker und Satiriker deshalb nun ein schlimmer Chauvinist oder im Gegenteil ein mahnender männlicher Feminist, der seiner Zeit voraus war ? Egal - der HÖRSPIELer zieht jedenfalls schlechte aber gendergerechte Hörspiele jederzeit guten aber patriarchalistischen vor und legt seinen Besuchern nahe, dies ebenso zu handhaben - sonst hätten die Dieter Nuhrs und Lisa Fitzes schon gewonnen, beziehungsweise die Sibylle Bergs und Carolin Kebekus' verloren, oder wär´s doch umgekehrt ? Verwirrung, Verwirrung ... ! +

+ Die hohe Coronapriesterin - nein, pardon: Die uneingeschränkte Sonnenkönigin - nein, letzter Versuch: Die alternativlose Bundeskanzlerin Angela Merkel ('C'DU) hat in ihrer liebenswerten Unbekümmertheit, was parlamentarische Mitwirkungsrechte anbelangt, wieder einmal so ziemlich im Alleingang eine Reihe von recht einschneidenden Maßnahmen im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 getroffen, was auch das kulturelle Leben hierzulande stark beeinträchtigt: Die für 2020 geplanten Die drei Fragezeichen-Livehörspieltermine mussten sämtlichst auf 2021 verschoben werden, so dass der HÖRSPIELer in diesem Jahr leider keine Gelegenheit erhält, sie essayistisch niederzumachen. Ja, wir wissen: dies ist genau das, was unsere Leserschaft von uns erwartet. Daher befürchten wir, dass uns die Klickzahlen im Coronajahr und insbesondere im ansonsten hörspieltechnisch ereignisarmen November einbrechen und weisen freundlich und ohne Hintergedanken auf die Möglichkeit von freiwilligen Spenden hin, was wir übrigens den öffentlich-rechtlichen Zwangsgebührensendern ARD, ZDF und Deutschlandradio ebenfalls als moralisch weniger verwerfliche Alternative zu ihrem aktuell doch sehr an moderne Wegelagerei erinnernden Geschäftsmodell empfehlen wollen. +

+ Es wird hin und wieder kritisiert, dass auf dieser Seite wenig aktuelle Hörspielproduktionen kleinerer Verlage kommentiert werden, insbesonderer solcher, die sich mit der Vermarktung ihrer Eigenproduktionen viel Mühe geben. Der HÖRSPIELer will zwar nicht unsolidarisch mit diesen Veröffentlichungen sein, in denen häufig viel Herzblut steckt. Aber dennoch: Neuproduktionen, die uns ihre Sprecher lauthals als erfahrene 'deutsche Stimmen' berühmter Hollywood-Stars anpreisen, schrecken grundsätzlich ab. Dahinter steckt die Überlegung, dass Vertonungen, die aus sich selbst heraus mit starken Geschichten, einem befähigten Produktionsteam und gut ausgesuchten Sprechern überzeugen können, es auf keinen Fall nötig haben, mit zweifelhaften Referenzen anderer Medien, die mit Hörspielen eigentlich rein gar nichts zu tun haben, um Aufmerksamkeit zu buhlen. Was sagt beispielsweise die Tatsache aus, dass ein im 'Klappentext' eines Hörspiels aufgeführter Sprecher die 'deutsche Stimme' von Brad Pitt ist ? Richtig - genau überhaupt nichts. Höchstens, dass sich der Sprecher eher auf Synchronisation, denn auf tiefergehende Schauspielerei versteht - auch wenn es hier in Ausnahmefällen kleinere Schnittmengen geben mag. +

+ Im Jahr 1988 gab sich das kongeniale Schauspieler- und vor allem Hörspielsprecher-Ehepaar Horst Frank und Brigitte Kollecker-Frank ein Stelldichein im SWF-Hörspielkrimi 'Der Joker' nach Motiven von Edgar Wallace und erinnern dabei natürlich gewollt an ihre gemeinsamen Paraderollen als 'Tom und Eileen Fawley' in den legendären Neon-Grusel-Hörspielen einer Hamburger Hörspielkassettenfirma Anfang der Achtziger Jahre. Leider hatte der solide vertonte Hörspielzweiteiler im Vergleich zu den gerade bei Jugendlichen damals deutlich populäreren neonfarbig gehaltenen Produktionen wenig Biss. +

+ Noch so ein vermeintlich progressiver Hörspiel-Prophet: Der österreichisch-englische Autor Jakov Lind zeichnete vor dreißig Jahren für das Hörspiel 'Der Erfinder' mitverantwortlich, in dem der sich damals bereits ausbreitende Kindermangel in westlichen Gesellschaften skandalös unsensibel beschrieben und dargestellt wird: Die Frau eines Erfinders kann keine Kinder bekommen und so strebt sie als Ersatzlösung einen Hund an. Sie begründet diesen Wunsch nach Kompensation mit der Feststellung 'Ich kann keine richtige Frau sein, wenn ich keine Mutter sein kann.' - dies würde wohl zu recht keine Feministin heutzutage so stehen lassen können. Auch die Einwände ihres Mannes gegen den animalischen 'Menschersatz' prallen an der unglücklichen Frau ab, wenn er profan feststellt 'Er ist ein Tier und kein Kind - soll er vielleicht im Sandkasten spielen ?'. Zwischen dem um Moral, Ethik und Menschsein streitenden Ehepaar kommt es erst zur Entspannung als der Erfinder seiner Frau zusichert, ihrem künftigen 'Kind'hund Sprechen beibringen zu wollen. Die satirische Initiative Wir sind wichtig - der Wirtschaft zuliebe, die sich dem Primat der Ökonomie folgend schon lange vor der Lehrerin Verena Brunschweiger für einen gesellschaftspolitisch aktiv zu fördernden Kindermangel eingesetzt hat, merkte bereits an, dass sie den Inhalt des offenbar neuerdings im Internet kursierenden Hörstücks missbilligt, auch wenn heute wie 1990 trotz 'ganz schlechter Scherze', wie dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz und den Uploadfiltern, natürlich Kunstfreiheit herrscht. Und dies um so mehr als diese Freiheit in diesem Hörspiel, in dem sich der jüdische Autor Lind zu Formulierungen versteigt à la Vom traditionellen Antisemitismus der Rechten bis hin zum modernen Antisemitimus der Linken, für die politische Mitte in diesem Land gegenwärtig nur schwer auszuhalten scheint. +

+ "Ich habe keine Angst mehr vor Corona seit ich weiß, dass es Corona gibt." (zeitgemäß abgewandeltes Zitat aus Günter Eichs Hörspielklassiker Die Brandung von Setúbal, worin es unter anderem um die Auswirkungen der Pest geht - die Vertonung von 1957 mit Elisabeth Flickenschildt und Gustl Halenke ist nach wie vor unbedingt hörenswert) +

+ Die MDR-Produktion 'Westend' mit Ulrich Matthes und Anja Schneider nach einer Vorlage von Moritz Rinke hat - wenn auch vermutlich unfreiwillig - das Zeug zum inoffiziellen Hörspiel der 'Generation kinderlos': Einige Pärchen leben fest sowie nur zu Besuch in einer schönen kleinen Villa und führen interessante Gespräche über Sinnfragen. Dabei fallen Sätze wie "Wenn ich durch den Garten gehe, muss ich immer an die Kinder denken, die ich nie hatte..." - das ist ziemlich starker Tobak für ein Hörspiel vom zwangsgebührenfinanzierten und nicht eben Merkel-kritischen Mitteldeutschen Rundfunk. Auch stellen sich die Pärchen mehr als einmal untereinander die Frage 'Warum habt ihr keine Kinder ?', die - wen wird es wundern - natürlich unbeantwortet bleibt. Dafür wird über 'Sicherheitsgurte für Hunde' fabuliert, die ja in modernen Familien, die schon länger hier leben, mittlerweile längst Equipment für karrierebehindernde Kinder den Rang abgelaufen haben, wie auch die satirische Initiative Wir sind wichtig - der Wirtschaft zuliebe bestätigen kann. Dennoch verblüfft die mitteldeutsche Hörspielproduktion aus dem Jahr 2020: Unter der Regie von Stefan Kanis wird den Frauen tatsächlich ein gewisser Grad an Weiblichkeit und den Männern ein gewisser Grad an Reife zugestanden (hat hier vielleicht der Rundfunkrat geschlafen ?). Und gerade die weiblichen Figuren reden in dem Stück häufig ziemlich pathosgeladen und bedeutungschwanger daher in ihrer Angst 'alt und wertlos aus der Welt zu fallen'. Hörenswerte, wenn auch nicht herausragende Reminiszenz an Goethes Wahlverwandtschaften. +

+ Was tut man, wenn man das Bedürfnis nach schlechter Energie und Bestätigung restlos überkommener weiblicher sowie männlicher Rollenbilder hat ? Richtig - man hört sich das WDR3-Hörspiel Das Geschenk - Sex-Party zum Geburtstag von Philine Conrad & petschinka an, das der Zwangsgebührensender seinen Hörern impertinenterweise auch noch als Liebesdrama verkaufen will. Die Schauspieler, die diesen misanthropisch-vulgären Reigen an Vorwürfen, Eifersucht und vermeintlich moderner Notgeilheit à la Carolin Kebekus merkbar lustlos eingesprochen haben, können einem im Nachhinein noch leid tun. Hoffentlich dürfen sie irgendwann auch mal wieder bei einem Hörspiel mitwirken, das eine originelle, nachdenkenswerte Geschichte über interessante Menschen erzählt, die dann vielleicht sogar zu Recht als 'Liebesdrama' bezeichnet werden dürfte (und sei es als humorvolle Groteske, wie beispielsweise in dieser herausragenden Produktion). +

+ Christine Strobl, CDU-Mitglied sowie Tochter von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und Ehefrau von Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl, wird ab Mai neue ARD-Programmdirektorin, was wohl auch Auswirkungen auf die Hörspielredaktionen haben dürfte. Bis zum Beweis des Gegenteils muss davon ausgegangen werden, dass die 49-jährige Juristin ihren Hochschulabschluss eigenständig bestanden hat: Einen Zusammenhang zu ziehen mit anderen einflussreichen Mitgliedern regierungstragender politischer Parteien, wie etwa Franziska Giffey, Karl-Theodor zu Guttenberg, Ursula von der Leyen oder Annette Schavan, die jeweils sehr unorthodoxe Strategien zur Erlangung universitärer Würden verfolgten, verbietet sich selbstredend - genauso wie der Vergleich der BR Deutschland mit einer beliebigen von Vetternwirtschaft gelähmten Bananenrepublik. +

+ In Der Verräter aus dem Jahr 1978 von Wolfdietrich Schnurre aus der Zwangsgebühren-Mediathek ringen der hervorragende Schauspieler Herbert Bötticher und seine nicht weniger ausgezeichnete Kollegin Karin Eickelbaum um das Seelenwohl eines kleinen Jungen, das offenbar durch homosexuelle Rollenvorbilder ernsthaft gefährdet scheint. Heute weiß man, dass Kinder von heteronormativen Rollenvorbildern in der Erziehung viel stärker geschädigt werden können und sie vermutlich bei schwulen oder lesbischen Eltern wesentlich besser aufgehoben wären als in der nach wie vor beschissenen binär-sexuell-geprägten Realität der Bundesrepublik Anno 2020. +

+ Von wegen 'tragikkomischer Klassiker': Was der SWF 1958 mit der Verhörspielung des Vicki-Baum-Klassikers Menschen im Hotel verhunzt hat, geht auf keinen USB-Stick. Man freut sich auf die junge Brigitte Horney, die z.B. in der Martin-Walser-Vertonung 'Lindauer Pieta' (1975) brillierte, und bekommt in der Zwangsgebühren-Audiothek der ARD für 80 Minuten eine hochsinistre und vollkommen humorbefreite Hörspieltristess geboten, die einen wünschen lässt, am besten nie mehr in einem Hotel egal wo auf der Welt absteigen zu müssen. Schade um das nichtgenutze Schauspielerinnen-Potenzial... +

+ Hat eigentlich jemand das zweite der drei ??? Fragezeichen und Cineast Jens Wawrzceck schon einmal darauf aufmerksam gemacht, dass er optisch der Zwillingsbruder des jungen Lou Castel (eigentlich Ulv Quarzéll) sein könnte, der in Filmen wie 'Mit der Faust in der Tasche' (1965) rebellierend brillierte ? Und hat schonmal jemand den Ur-Berliner und ersten der drei ??? Fragezeichen Oliver Rohrbeck darauf aufmerksam gemacht, dass in ungefähr einer Stunde Fahrzeit von der Hauptstadt entfernt ein richtiger Hörspielbahnhof im Brandenburgischen existiert ? Noch nicht ? Schwach ! Nachholen ... ! +

+ Man ist zurecht gespannt auf die drei hochkarätigen Schauspieler Otto Sander, Angelica Domröse und Jürgen Thormann in Das Genauigkeitsprinzip - Was, wenn man weiß, wann man stirbt? von Marcy Kahan in der Zwangsgebühren-Mediathek und bekommt leider ein nichtssagend psychologisierendes Hörspiel-Machwerk aus dem Jahr 2000 geboten, bei dem man während des Hörens beinahe geneigt ist, sich selbst ebenfalls eine kürzere Lebenszeit zu wünschen. Dass der Produzent dieses sich an den Zeitgeist anbiedernden Hörspiels der WDR war, wundert hingegen wenig, hat dieser sich mit dem Lied Oma ist ne alte Umweltsau in der Hoffnung auf Applaus von der Greta-Thunberg-Generation doch kürzlich selbst als kaum verhohlener Seniorenfeind geoutet. +