der HÖRSPIELer: Hoerspiel, Gesellschaft und Politik


KONFORMISMUS

Das Hörspiel ist gesellschaftspolitisch tot

Auf moralinsaure Agitation hochbezahlter wie humorloser Weltverbesserer hat kaum noch jemand Lust. Der Hörspieler hat mit Eigenproduktionen versucht, dies zu ändern - vergeblich. Die Hörer waren einfach nur angewidert von dem Vorhaben, über das 'Königsmedium' Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse nehmen zu wollen.
tote Hörspieler

Wirkliche Provokationen fehlen

Wenn in diesen Tagen kaum noch wirklich provokative Hörspiele im Radio (oder im Livestream) laufen, ist dies ein Symptom dafür, dass sich das bundesdeutsche Hörspiel öffentlich-rechtlicher Prägung in einer schweren Krise befindet - wie überhaupt die Errungenschaften der `Moderne´ in diesem Land.

Wenn man heute als Hörspielmacher Themen behandeln will, die von denen der großen Parteien und in der Folge auch der öffentlich-rechtlichen Medien abweichen, dann kann man sein Glück nur auf dem freien Markt versuchen. Würden im öffentlich-rechtlichen Hörspiel hin und wieder auch Fragen von allgemeinem Interesse wie der demographische Wandel und die mit ihm verbundenen tief gehenden Veränderungen der Bevölkerungsstruktur hierzulande behandelt, dann könnte man sich beruhigt ein- oder zweimal die Woche abends ein Radiostück anhören, das einem über dass hier und heute dieser nervösen Zeiten in Deutschland etwas sagen will. In welcher Form auch immer - möglichst nicht moralinsauer sondern humorvoll, kritisch, ironisch oder grotesk.

Es ist nicht naiv, mit Hörspielen im kleinen Rahmen etwas bewegen zu wollen. Es gab Zeiten, da waren diese noch politisch. Und zwar teilweise sogar gegen die herrschenden Machtverhältnisse gerichtet, in die die öffentlich-rechtlichen Sender natürlich stark eingebunden sind. Bis in die 80er Jahre hinein hatte man in einigen Hörfunkhäusern noch die Größe, dieses zuzulassen und das Gebot der Staatsferne und der Unabhängigkeit für die öffentlich-rechtlichen Medien ernst zu nehmen. Zwar hat man in den Hörspielabteilungen der Öffentlich-Rechtlichen freiwerdende Stellen in den letzten Jahren mutigerweise fast ausschließlich mit modernen Mitarbeiterinnen besetzt und damit Vielfalt und Gerechtigkeit gefördert - aber dennoch befindet sich auch hier Unabhängige und nicht-ritualisierte Gesellschaftskritik seit langem auf dem Rückzug.
Hoerspiel, Politik und Gesellschaft


Das Hörspiel 'als Kind der Moderne'

Als Hörspieler ist man - wie andere Kreative auch - eine Gegenstimme zu den Institutionen. Es ist jedoch auffällig, dass die Funktion der Kritik gegenüber den Hörspielabteilungen momentan von niemandem ausgeübt wird. Weder von außerhalb - es gibt anscheinend keine Dissidenten, die ein kritisches Wort wagen - noch von innen heraus. Daher werde ich mich diesbezüglich schadlos halten. Es ist natürlich begrüßenswert, dass die Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Hörfunkhäuser selbst sehr angetan sind von ihren Produktionen. Noch etwas erfreulicher wäre es allerdings, wenn ein paar mehr Zuhörer außer der direkt und indirekt abhängig Beschäftigten die Begeisterung mit ihnen teilen könnten.

Zu erleben ist seit Jahren eine gesamtgesellschaftliche Verunsicherung. Es ist klar, dass aufgrund der demographischen Entwicklung große Umbrüche bevorstehen und daher sind viele Menschen unsicher, wo es langgehen soll. Hinzu kommt, dass die klassischen Beziehungsmodelle ihr Selbstverständnis verloren haben: Die Familie hat es in der individualisierten Gesellschaft ausgesprochen schwer und ist vermutlich für die Mehrzahl der Menschen nicht einmal als Ideal aufrecht zu erhalten.
Das Aufziehen von Kindern ist heute normativ komplett überfrachtet und zu sehr privatisiert. Die Single-Gesellschaft stiehlt sich hier ebenfalls aus der sozialen (gar nicht einmal aus der finanziellen) Verantwortung, was die weniger werdenden herkömmlichen Familien zusätzlich belastet. Die Errungenschaften der Moderne und damit der Individualisierungsthese stehen auf dem Spiel. Es wird unweigerlich zu schweren Verwerfungen gesellschaftlicher Gruppen kommen, die hauptsächlich über die Medien kommuniziert werden und bei denen Kinder eine traurige Schlüsselrolle spielen. Autoren, die heute Medieninhalte bereitstellen, sollten darauf vorbereiten, sensibilisieren, einstimmen und Möglichkeiten zur Deeskalation aufzeigen. Dies wird jedoch angesichts des weit verbreiteten Defaitismus, der bei der Themenwahl der Redaktionen offenkundig zum Statut gehört, nicht zu bewerkstelligen sein. Man gewinnt damit vielleicht Grimme-Preise, aber man verfehlt leider auch den Nerv der Zeit. Unabhängige Autoren sind in dieser Situation stärker denn je gefragt: Denn sowohl die politische Linke als auch die Rechte haben keine guten Antworten auf die Gefahr durch die Gegner der Aufklärung. Aber das Hörspiel ist ein Kind der Moderne und als solches braucht es sie zum Leben.

Hoerspiel, Politik und Gesellschaft


Schwärmerei über das Medium Hörspiel

Es wird sich bereits seit einiger Zeit in den Massenmedien in Krisenszenarien zu überbieten versucht. Manche Kommunikationswissenschaftler formulieren die These, der Staat und die Wirtschaft hätten ein Interesse daran, die Bürger zu verunsichern.

Grund zur Sorge bietet die gesellschaftliche Entwicklung tatsächlich. Aber wichtige Themen, die ans Eingemachte gehen, die sozialpsychologischen Folgen des demografischen Wandels, bleiben tabu. Beispiele: die nicht enden wollende Jugendphase vieler kinderloser Erwachsener, die Vereinzelung von Kindern, die Vermenschlichung von Haustieren.
Dabei könnte das Hörspiel `von heute´ auch provokativ und politisch sein und es wäre gar nicht so schlimm. Es könnte sich ab und zu mit für die Hörer relevanten Themen beschäftigen und müsste längst nicht so berechenbar daherkommen wie die Stücke, die von den Redaktionen gegenwärtig für die Programme ausgewählt werden.

Nun als Einschub ein wenig Schwärmerei über das Medium 'Hörspiel': Bei allem berechtigten Schimpfen und `Uncool´-Finden deutschsprachiger Medienerzeugnisse muss doch festgehalten werden, dass man sich über lange Zeit hinweg sowohl in der Bundesrepublik als auch der `DDR´ an einem im internationalen Vergleich recht regen Hörspielleben erfreuen konnte. In den 50er und 60er Jahren wussten die öffentlich-rechtlichen Anstalten ihre Hörer mit Straßenfeger-Krimis sowie Andersch-, Bachmann-, Eich-, etc-Stücken zu überzeugen. In den 70ern und der ersten Hälfte der 80er Jahre blieb es dann in erster Linie einer kleinen Zahl kommerzieller Schallplatten- und Kassettenlabels aus dem Hamburger Raum vorbehalten, im Westen die Hörgewohnheiten der Generation `Golf´ mit schnell aber auch sehr professionell produzierten Trivialhörspielen zu prägen. Danach hat sich erst einmal eine ganze Zeit lang kaum noch jemand mit Ruhm bekleckert. Nach einer Phase der Stagnation sorgte ab Mitte der 90er Jahre der bis heute andauernde Hörbuch-Boom für eine Renaissance des Hörspiels. Die Öffentlich-Rechtlichen vertonten nicht sehr innovativ bewährte Buchvorlagen für die angeschlossenen Hörverlage; die Kommerziellen entdeckten die Gewalt als Verkaufsschlager - das Hörspiel koppelt sich hierbei nicht ab von der übrigen Entwicklung in den Massenmedien - und gingen ganz darin auf. Zu lachen hat man übrigens sowohl bei den einen als auch bei den anderen kaum noch etwas - Humor befindet sich auf dem absteigenden Ast, wie auch Grotesken, Satiren, Alltagsabenteuer. Seit Beginn des neuen Milleniums beherrschen Krimis, Gewalt, Trash und Übersinnliches den Hörspielmarkt.
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Infantile Männer und etablierte 'Wilde'

Es ist ganz natürlich, dass auch beim Medium 'Hörspiel' alle paar Dekaden ältere Schaffende jüngeren weichen müssen (natürlich mit Ausnahme des 'Europa'-Labels um Heikedine Körting).

So hat die `Generation Golf´ inzwischen die Geschicke des kommerziellen Hörspiels in der Bundesrepublik übernommen. Die jung gebliebenen Mittdreißiger haben es sich in den Hörbuchabteilungen der Verlage gemütlich gemacht. Mitgebracht haben sie ihre Lieblingsgroschenhefte aus Jugendtagen, wegen derer sie sich in der Spaßgesellschaft nicht mehr zu genieren brauchen. Scheinbar hat die Mehrheit dieser nahezu ausschließlich männlichen neuen Hörspielmacher während ihrer Adoleszenz dem für junge Leute typischen Bedarf an schlichter Abenteuer- und Trivialliteratur nicht ausleben dürfen. Die von ihnen verantworteten Neuproduktionen sind von einem großen Nachholverlangen bezogen auf für junge Männer typische Allmachtsphantasien geprägt. Die Verbreitung bemerkenswerter Inhalte oder innovativer Darstellungsformen darf man von ihnen nicht erwarten.
Bei den kommerziellen Herren also: Infantilisierung.

Bei den Öffentlich-Rechtlichen scheinen hingegen inzwischen die Frauen mittleren Alters das Sagen zu haben. Die Hörspiellinie, die sie vertreten, ist seriös, staatstragend, sehr berechenbar und schrecklich langweilig: ebenfalls Krimis bis zum Abwinken - Gewalt ist gesellschaftlich voll akzeptiert - und ansonsten fast ausschließlich Problemstücke, bei denen das Selbstverwirklichungsmilieu sich wohl fühlt; viele Wiederholungen einstmals brisanter historischer Produktionen, die heute niemandem mehr wehtun; und alle paar Jahre dürfen etablierte 'Wilde' wie Buttgereit oder Pastewka mal ein bisschen durch die Studios wirbeln ... Aber hinterher wieder die Tür fest schließen !
Bei den öffentlich-rechtlichen Damen daher: Stagnation und Ermattung.

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Schweigespirale bezüglich heikler Themen

Als positive technische Neuerung sorgt seit ungefähr 8 Jahren wenigstens das Internet dafür, dass sich Hörspielfreunde hervorragend informieren, untereinander leichter austauschen und gegenseitig wegen ausbleibender ungewöhnlicher Stücke trösten können.

Dass gemeinsame Trauerarbeit Not tut, verdeutlicht ein Beispiel vor Ort: Der RBB produziert in seinen Studios jährlich ungefähr 20 eigene Hörspiele. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: eine Stadt wie Berlin mit einer Sendeanstalt von großzügigen Ausmaßen und ZWANZIG Hörspiele ! Dies erinnert an das Bild der fehlgeplanten und hochsubventionierten Straßen und Brücken, die in Ostdeutschland ins Nichts führen. Um das öffentlich-rechtliche vom kommerziellen Hörspielwesen abzugrenzen, wurde im HÖRSPIELer jüngst überspitzt, das eine sei eher männlich dominiert und die Öffentlich-Rechtlichen eher weiblich, was gerade im Raum Berlin-Brandenburg zuzutreffen und eine alte Lebensweisheit zu bestätigen scheint, nach der Frauen das Elend immer schon besser auszuhalten und zu verwalten imstande waren als Männer. Man werfe aktuell einen Blick ins Kanzleramt.

Frank Schirrmacher beschrieb in seinem Buch `Minimum´ die Massenmedien der kinderarmen Gesellschaft so, dass in ihren fiktiven Inhalten der spärlich gesäte Nachwuchs immer seltener vorkommt. Dies laufe auf eine Art sich selbst verstärkende Schweigespirale hinaus. Was bei Schirrmacher aufs Fernsehen gemünzt war, gilt auch für das Radio: Bei den kommerziellen Hörspielen haben wir bereits seit einem Jahrzehnt das Phänomen, dass Produktionen für die jugendliche Zielgruppe mehrheitlich von erwachsenen Männern konsumiert werden und bei öffentlich-rechtlichen Hörspielen fällt auf, dass Frauen in den Entscheidungspositionen - vorsichtig ausgedrückt - familienrelevante Themen oder auch Probleme des Kindermangels nicht gerade zu fördern scheinen.
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Konformistische Themenwahl

Dahinter steckt vermutlich keine bewusste Absicht sondern oftmals ein mit Verdrängung einhergehendes biographisch bedingtes Gatekeeping: eine Abwehrhaltung gegenüber bestimmten Themen, die sie nicht kommuniziert hören wollen.

Es ist nur natürlich, wenn Redakteurinnen und Redakteure persönliche Vorlieben und Abneigungen, Interessen und Einstellungen haben - die Mitarbeiter der Hörfunksender agieren schließlich nicht im luftleeren Raum. Es ist jedoch sehr kritisch, wenn hieraus ein Klima entsteht, das dazu beiträgt, die Chancen für konstruktive Gesellschaftskritik im Hörspiel deutlich zu verschlechtern, wie es seit ungefähr 20 Jahren der Fall ist. Die Nähe zur Politik ist nur schwer zu überhören. So kommt es, dass viele Hörspielautoren schon lange wissen, in welche `Richtung´ sie schreiben müssen, um Aufträge vom öffentlich-rechtlichen Hörfunk zu bekommen: Als sichere Nummern gelten Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, der kulturellen Vielfalt und des dritten Reichs. Das sind sehr wichtige Themen mit deren einzig möglicher Bearbeitungsweise pro Gerechtigkeit, pro Vielfalt, contra drittes Reich man aber nichts riskieren kann und nichts riskieren sollte. Die mannigfaltigen Folgeprobleme des `demographischen Wandels´ erscheinen hingegen nahezu tabuisiert. Es existiert also de facto eine informelle Vorzensur.

Wenn man heute gegenüber öffentlich-rechtlichen Verantwortlichen das nahezu vollständige Fehlen von Hörspielberichten in den Feuilletons der Zeitungen, die über bloße Rezensionen hinausgehen, ein wenig bedauert und sich Sorgen um den Fortbestand dieser Kunstform macht, bekommt man in der Regel reflexartig erwidert, dass die Rundfunkhäuser nun einmal nicht gegen die neuen Realitäten von `Multimedia´ und `Internet´ angehen könnten. Die Konkurrenz anderer Anbieter sei heute im Gegensatz zu früheren Zeiten einfach übermächtig. Eine schwache Entschuldigung für eigene Unzulänglichkeiten.

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Keine Impulse von den Öffentlich-Rechtlichen

Muss das Hörspiel heute wirklich so defensiv sein ? Könnte es in Zeiten akustischer Reizüberflutung nicht gerade eine Chance als echte Alternative zum allgegenwärtigen Geballere und Geschreie anbieten ? Sind die amerikanischen Blockbuster im Kino, die Ego-Shooter am PC und die Seifenopern im Fernsehen tatsächlich so viel überzeugender als ein gutes Hörspiel im Radio ? Fragen wie diese werden von den Vertretern der Öffentlich-Rechtlichen meiner Erfahrung nach regelmäßig gebetsmühlenartig in den Bereich der Träumerei und der Nostalgie verwiesen.

Die Motive dieser Anmerkungen zum Zustand des Hörspielwesens sind eigentlich ein Selbstverstand: die Kritik an der Arbeit der öffentlich-rechtlichen Verantwortlichen, die aber innerhalb der Massenmedien - ungeachtet der Krise des Hörspiels - de facto keine Selbstverständlichkeit ist. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus und so werden bei fast allen raren Veröffentlichungen zum Thema die Hörspielredaktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die sich als Garanten des Fortbestandes des Wortspiels gerieren, über den grünen Klee gelobt. Man zollt sich aus Furcht vor unangenehmen Fragen gegenseitig lieber einmal zu viel Beifall. Womöglich beginnen sich sonst noch Hörerinnen oder Hörer dafür zu interessieren, was einen außer einer Karriere in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt eigentlich dazu legitimiert, auf dem Hörspielchef-Sessel zu sitzen.
Mit dieser Tradition sollte nun endlich gebrochen werden: Die Angestellten der Hörfunkabteilungen werden in der Regel gut bezahlt und haben einen relativ sicheren Job. Es ist menschlich verständlich, dass manch eine oder einer lieber nichts mit gewagten und mutigen Produktionen riskieren möchte, aber das hat dann eben nicht mehr viel mit Kunst zu tun. Sie sollten daher ein wenig innovative Kritik aushalten können, mit der man sie ja letztlich bei ihrer Arbeit unterstützen will.
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Orson Welles hätte heute beim RBB keine Chance

Es folgt eine Vision, die von den Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Hörfunks aller Erfahrung nach mit einem Verweis auf die `übermächtigen Konkurrenzmedien´ umgehend in den Bereich der Phantasie verwiesen würde. Sie ist recht simpel ...

Ein Schulhof in Berlin-Schöneberg, in Hamburg-Altona oder anderswo: Ben aus der neunten Klasse fragt in der Pause Sarah aus seiner Parallelklasse `Hast Du gestern um sieben das Hörspiel über diese endgeilen jungen Typen gehört ?´ oder so ähnlich. Sarah antwortet `Ja, aber nur die ersten 10 Minuten, danach wurde es mir zu krass. Mir gefiel das neulich mit dieser lässigen Frau besser.´ ...
So, genug gesponnen. Das genügt bereits. Selbstverständlich ist diese Szene ausgesprochen unrealistisch, nahezu 'Science Fiction'. Aber liegt das wirklich an Sarah und Ben ? Oder hat es nicht viel eher damit zu tun, dass sich den beiden trotz der GEZ-Gebühren ('Demokratie-Abgabe'), die ihre Eltern jeden Monat für sie mitzahlen, gar keine Grundlage zu solch einem kurzen Gespräch bietet ? Weil die Lebenswelten der Hörfunkredakteure nur noch rudimentär Schnittmengen mit denen junger Leute aufweisen und für diese interessante Sendungen daher kaum angeboten werden ? Ähnliches gilt aus vergleichbaren Gründen für das Verhältnis zwischen Redakteuren und Autoren.

Würde jemand wie der junge Orson Welles heutzutage beispielsweise beim RBB eine Chance bekommen ? Sollte es die Hörspielabteilung in der Masurenallee tatsächlich riskieren, einen fiktiven Stoff über den Äther zu schicken, der wie der legendäre `Krieg der Welten´, der 1938 scheindokumentarisch die Invasion von Marsmenschen suggerierte, die Zuhörenden irritieren könnte ? Zugegeben: Die Rundfunkgesetze der Vereinigten Staaten in den 30ern waren andere als unsere - aber warum riskiert es nicht doch mal eine Hörspielchefin ? Mit ein bisschen guten Willen wäre dies kein Ding der Unmöglichkeit.

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Ein kleines Gedanken(Hör)spiel

Warum verabreden sich nicht einmal drei, vier mutige Abteilungsleiterinnen, parallel auf verschiedenen Sendern ein Hörszenario zu arrangieren, in dem suggeriert wird, dass sich in Bremerhaven hunderttausende junger Leute zusammen auf den Weg machen, die vergreiste und in verbitterten Verteilungskämpfen erstarrte Republik zu verlassen und von einem letzten Militäraufgebot unter großen Opfern davon abgehalten werden ? Ein gänzlich unrealistischer Ausblick ?

Wir können uns heute solche Radio-Ereignisse, die übrigens ganz im Sinne Bertolt Brechts gewesen wären, kaum noch vorstellen, da wir schon lange keinen aktivistischen Hörfunk mehr kennen.
Die HörspielchefInnen würden wegen einer solchen Aktion einen Karriereknick riskieren - aber welch ein Schub für ihr Medium, das sie doch fördern zu wollen vorgeben ! Da würde dem Hörspiel und sogar der Gesellschaft - denn hier kann es Berührungspunkte geben - tatsächlich ein wirklicher Dienst erwiesen. Auch wenn nach darauf folgenden (Zwangs-)Versetzungen die Pensionsansprüche gemindert würden. Es ist nicht davon auszugehen, dass Orson seinerzeit während seines mutigen Tuns einen Gedanken an seine Altersversorgung verschwendet hat.

Wo bleiben die flotte Komödie oder der spannende Wirtschaftskrimi über den Berliner Flughafenskandal ('BER'), dessen Folgen das Schicksal der Hauptstadt noch über Jahrzehnte auf das Schärfste prägen werden ? Wenn aus Rücksicht auf die an dem Desaster Beteiligten - überwiegend nach wie vor in Ämtern und Würde - schon nicht im Fernsehen, dann wenigstens im ehemaligen Avantgarde-Medium `Hörspiel´. Kein Ding der Unmöglichkeit. Dabei könnte beiläufig auch die vom Rundfunkgesetz aufgebürdete Staatsferne wieder einmal unter Beweis gestellt werden und das könnte - die Anmerkung muss erlaubt sein - nicht schaden.

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Appell an die Hörspielabteilungen

Seien Sie mutiger und verhalten Sie sich weniger devot gegenüber den Alphatieren im Mediendschungel ! Sie können mit Ihrer Arbeit dazu beitragen, die Aufklärung in diesem Land zu verteidigen. Das mag pathetisch klingen, aber im Kampf um den Erhalt der Errungenschaften der Moderne sollten schließlich alle legitimen und friedlichen Mittel erlaubt sein.

Kämpfen Sie gegen die am Horizont bereits aufziehenden Forderungen nach religiös-erbaulichen Medieninhalten an, solange dies noch möglich ist ! Wenn die Moderne hierzulande scheitert, dann sieht es für ein reflexives Medium wie das Hörspiel arg düster aus und die nächsten Generationen werden hörspiellose Generationen sein. Das wollen doch auch Sie nicht.

Überwinden Sie Ihre Scham, von zwangseingetriebenen Rundfunkgebühren (Neusprech: 'Beitragsservice') alimentiert zu werden - sie ist ein mächtiges und häufig ebenso wahrhaftiges Gefühl, das Ihrer Umkehr vom Staat, der Sie schützt, zu den Menschen, die auf Ihre Courage angewiesen sind, im Wege steht. Sie können sich an anderer Stelle für eine gerechte Rundfunk-Gebührenreform einsetzen und Ihr Gewissen erleichtern. Lassen Sie diesen Aspekt erst einmal außen vor, es gibt in diesen Zeiten inhaltlich höchst innovationsarmer Massenmedien wichtigere Dinge anzugehen.

Geben Sie dem unterhaltsam-kritischen Hörspiel, das die Konfrontation mit den Mächtigen und deren `Nach uns die Sintflut´-Haltung nicht scheut, wieder eine Chance. Das Hörspiel ist Ihnen nur anvertraut, gehen Sie wieder sorgsamer damit um !
Vielleicht werden sich bei entsprechendem Angebot auch wieder mehr jugendliche Hörer den auditiven Inhalten zuwenden. Die heute jungen Leute werden unweigerlich irgendwann darüber entscheiden, ob das Hörspiel neben dem bunten und lauten Getöse der Konkurrenzmedien überhaupt eine Zukunft haben kann.