Hamburg-Rissen: Kultur und Satire aus einem privilegierten Elbvorort



INTERVIEW

Ein Elbvorort im Wandel der Zeit

Lorena Stuttenbach-Manz im Interview über Hamburg-Rissen Lorena Stuttenbach-Manz ist eine engagierte Rissenerin, die in ihren Eigenschaften als Geschäftsfrau, Kunstkennerin und alleinerziehende Mutter das Geschehen der letzten Jahrzehnte in dem gutsituierten Hamburger Stadtteil aufmerksam verfolgte und kritisch begleitete. In den Neunziger Jahren unterhielt sie in der Wedeler Landstraße eine Galerie für zeitgenössische Aquarelle, bevor ihr Name im Bereich 'Wohnaccessoires' in Norddeutschland zu einer festen Größe wurde. Die Halterin zweier lebhafter Yorkshire Terrier gab uns Auskunft über ihre spezielle Sicht auf den Stadtteil.

(Der HÖRSPIELer:) Ihr einziger Sohn besuchte in Rissen sowohl die Grundschule Marschweg als auch das Gymnasium Voßhagen.

(Lorena Stuttenbach-Manz:) Ja, die Schulwege waren zum Glück nicht sehr lang. Man muss es diesem Ort auf jeden Fall zugute halten, dass er bezüglich der zu erfüllenden Schulpflicht seinen Kindern und Jugendlichen nicht den allseits zu recht als versifft geltenden öffentlichen Nahverkehr zumutet. Leider haben die Stadt- und Verkehrsplaner aber das für die Jugendlichen fast ebenso wichtige Freizeitleben vernachlässigt, als sie die Schließung der über Rissens Grenzen weit hinaus bekannten Discothek 'Bronx' im Jahr 1999 ignorierten und die jungen Rissenerinnen und Rissener folgerichtig dem nächtlichen Treiben auf der Reeperbahn in St. Pauli aussetzten.

Hielten Sie das Schulniveau in Rissen als Mutter für ausreichend ?

Gerade im dann doch nicht ganz so lütten Hamburg hatte ich als Erziehende ein besonderes Interesse daran, dass mein Filius die im Wortsinn naheliegenden Freiheiten nicht über ein gesundes Maß hinaus in Anspruch nimmt. Heranwachsene ünterschätzen ja manchmal die Gefahren, die damit verbunden sein können - gesundheitlich aber auch weltanschaulich. In dieser Hinsicht fand ich meinen Sohn am Gymnasium Rissen sehr gut aufgehoben, wo man den Gemeinschaftsgedanken stets hochhielt und darauf achtete, dass die Schüler nicht einem übertriebenen Einzelgängertum verfielen.

Eine Außenwand des Gymnasiums Rissen ziert heute der Spruch 'Gemeinsam gegen Rassismus. Refugees Welcome'. Eine willkommene Politisierung der Schülerschaft durch die Schulbehörde ?

Gymnasium Rissen, Vosshagen, HamburgDie Politisierung junger Menschen ist aus meiner Sicht eine gute Sache, zumal wenn sie dem allgegenwärtigen Konsumwahn etwas moralisch zu Bejahendes zur Seite stellt, wie es hier von der Schulbehörde möglicherweise beabsichtigt ist. Meine einzige Kritik daran wäre, dass das bloße Verordnen einer guten Haltung nicht wirklich nachhaltig sein kann. Wenn man die Schülerinnen und Schüler mit Betreten des so gekennzeichneten Schulgeländes kollektiv zu einer bestimmten politisch-moralischen Einstellung verpflichtet, dann beraubt man sie in meinen Augen der Möglichkeit, 'von innen heraus' selber eine staatsnahe und flüchtlingsfreundliche Haltung zu entwickeln, was ungleich wertvoller wäre als die bloße Hinnahme eines politisch korrekten Slogans. Echte persönliche Empathie entsteht immer endogen - sie kann nicht administrativ von einer Schulleiterin verordnet werden, das wäre zu einfach.

Auch dann nicht, wenn die Schule den Kindern nur den richtigen Weg zeigen will ?

Ich bin dankbar dafür, dass mein Sohn 'von innen heraus' zu einem Menschenfreund gereift ist und nicht deshalb, weil dies seinerzeit schlicht im Lehrplan stand. Aber wenn er sich stattdessen beispielsweise zu einem AfD-Sympathisanten entwickelt hätte, würde durch ein paar gefällige Worte auf der Außenwand der Schule, auf der er sein Abitur gemacht hat, seine Misanthropie doch nur verschleiert. In der DDR haben vermeintlich gute Parolen auf den Transparenten der Schüler zum kollektiv begangenen 1. Mai ja auch nicht verhindern können, dass eine Mehrheit der Jugend in den letzten Jahren vor dem Zusammenbruch aus der Perspektive der Herrschenden alles andere als auf dem rechten Weg war. Ohne natürlich das DDR-Regime mit den heutigen Regierungsparteien gleichsetzen zu wollen.

Trotz der hohen Schuldichte, die aus dem organisatorisch anscheinend alternativlosen Einbeziehen von Kindern und Jugendlichen anderer Orte der Umgebung herrührt, gilt Rissen landläufig als 'vergreisender' Stadtteil.

Die schon länger in Rissen Lebenden können sich neben anderen Konsumverpflichtungen eben immer seltener noch Kinder leisten, da finde ich Kritik wirklich unangebracht. Im Gegenteil halte ich es für besonders wichtig, dass die Freizeit- und Betreuungsangebote für Seniorinnen und Senioren mit wenig oder gar keinen Nachkommen konsequent weiter ausgebaut werden. Der vom Arbeiter-Samariter-Bund organisierte wöchentliche Seniorentreff bietet ein gutes Beispiel dafür, Vereinsamungstendenzen mit Hilfe geistiger Anregung, Unterhaltung und Gruppenaktivitäten entgegenzuwirken.

Rissen beherbergt auch die christliche Johannesgemeinde. Ein annehmbares Refugium für reifere Menschen ?

Johanneskirche, Raalandsweg, Hamburg-Rissen Die ortsansässige evangelische Kirche versagt in dieser Hinsicht leider völlig. Als ich vor Jahren einmal neugierig einen Gottesdienst besuchte, bereute ich dies schnell: einerseits wegen der für das relativ kleine Gebäude leider total überdimensionierten Orgel, deren Minimallautstärke so ausgelegt ist, dass man an eine heimliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den örtlichen Ohrenarzt glauben könnte; andererseits wegen der inhaltlichen Ausrichtung, die einem permanent das Gefühl vermittelt, sich nicht im Schoße der Kirche zu befinden, sondern auf einem Kreisparteitag der Grünen. Nichts gegen die Grünen: Sie sind ganz ohne Frage die einzigen in einer politischen Partei organisierten guten Menschen. Aber als Unternehmerin sehe ich alle Anflüge von Etikettenschwindel naturgemäß eher kritisch, weil dies eine Marke langfristig verwässert und beliebig macht. Aber vielleicht ist das von der EKD ja auch so gewollt.

Sie sehen kirchlich unterstützte grüne Kapitalismuskritik à la 'Fridays for Future' kritisch und akzeptieren den Primat der Wirtschaft - speziell in Hamburg ?

Wenn es der Wirtschaft nicht gut geht, ist das schlecht für alle, auch für uns Leistungsträgerinnen. Deshalb sollten wir mehr Opfer bringen für´s Gemeinwohl - mehr Flexibilität, weniger Selbstverwirklichung. Nur weil die Lobbyisten in Brüssel und Berlin das genauso sehen, ist es ja deswegen nicht falsch. Trotzdem sollten freie Märkte idealerweise natürlich den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Das gilt für Deutschland und noch mehr für Hamburg - sowie damit natürlich speziell auch für Rissen, welches seinen 'Hamburger Charakter' aufgrund der Randlage stets besonders unter Beweis stellen zu müssen glaubt.

Lorena Stuttenbach-Manz im Gespräch über Hamburg-Rissen Das klingt ein wenig allgemein. Bleiben wir bei den jungen Mädchen und Frauen von 'Fridays for Future': Nehmen Sie denen ihr konsumkritisches Engagement ab ?

Nein, ich würde ihnen vielmehr entgegenhalten: Es ist doch einfach wunderbar, sich schöne Dinge leisten zu können ! Wer das nicht zugeben will, ist in meinen Augen ein Heuchler. Das Streben nach Besitz verbindet die Menschen schließlich miteinander. Oder sollen wir uns etwa wieder zurückentwickeln, in Großfamilien leben und freiwillig auf Einkommen verzichten ? Dann bleibt für diejenigen ohne Karriere ja gar nichts zu tun übrig.

Beruflich bedingt ist Ästhetik für Sie ein wichtiger Bestandteil Ihres Lebens. Leben Sie wegen oder trotz dieser Vorliebe in Rissen ?

Als ich 1975 nach Rissen zog, standen dort noch etliche große Bauernhöfe mit Reetdach im Zentrum direkt in der Wedeler Landstraße und der Rissener Dorfstraße. Das war natürlich sehr nett anzusehen, wenn vielleicht auch nicht immer absolut wohlriechend. Wenn sie dort als Hausfrau und Mutter - Alleinerziehende gab es damals noch kaum - am frühen Abend eine Tüte Milch brauchten, hatten sie wirklich ein Problem, denn die wenigen Läden, die es damals neben Woolworth und Bolle gab, schlossen unbarmherzig und pünktlich um 18 Uhr. Soviel zur vermeintlich familienfreundlichen Idylle der Siebziger Jahre unter dem sozialdemokratischen Bürgermeister Hans-Ulrich Klose in Rissen. Es sah vielleicht alles schön aus, aber es war auch unpraktisch.

Die 'Siebziger' eben - damals gab es ja auch noch Schlaghosen und Blümchentapeten ...

Schiffsanleger Wittenbergener Strand, Hamburg-Rissen, Anno 1977 In den darauf folgenden Jahren veränderte sich das Aussehen Rissens rasant: Knapp ein halbes Dutzend der Bauernhäuser ging zufällig in Flammen auf, was den Neubau großer zentral gelegener aber nicht besonders ansehnlicher Wohnungsblocks sehr erleichterte. Es entstand eine respektable Anzahl von Läden und Discountern, worüber man sich natürlich freuen könnte, gäbe es nicht das augenfällige Problem mangelnder Vielfalt des Einzelhandels in unserem schönen 'Dorf'. Anders ausgedrückt: Über zu wenig Maklerbüros und Apotheken kann sich in Rissen nun wirklich niemand beklagen - über das Fehlen von Restaurants, die bodenständiges Essen jenseits von Conveniencefood anbieten, hingegen leider schon. Kein noch so hoch gelobter Quartiersmanager hat hieran bisher etwas geändert.
Auf der anderen Seite bleiben der Wittenbergener Strand und der Forst Klövensteen natürlich von zeitloser Anmut, da das zuständige Bezirksamt Altona hier in den letzten Jahrzehnten nicht viel Gestaltungswillen an den Tag gelegt hat.

Möchten Sie zum Schluss unseres Gesprächs vielleicht noch etwas Persönliches über Rissen anmerken ?

Gerne: Rissen ist eigentlich viel zu gut für uns. Ich weiß nicht, ob wir es überhaupt verdienen.

Frau Stuttenbach-Manz, wir bedanken uns für dieses fiktive Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg.


Video Snippets: Unternehmerin Stuttenbach-Manz über ...

... das Streben nach Besitz ohne Heuchelei

... notwendige Opfer für das Gemeinwohl



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