Political correctness und schwule bzw. homosexuelle Männer (Feature-Script)




Feature-Script "Vom Verlust des Besonderen" (Ludwig Kamberlein)
Teil II


Sprecher 1:

Nur wenige politische Schwule bedauern den Abschied vom

revolutionären und subversiven Potential, das Homosexualität in den 70er

und frühen 80er Jahren häufig von linksradikaler Seite attestiert wurde.

Damals sahen manche Marxisten schwule Männer durch die unterstellte

bürgerliche Unterdrückung in einer entfremdeten Lebenssituation

gefangen, die es zu bekämpfen galt.

Heute scheint diese Sicht der Dinge nicht mehr zeitgemäß:


Hier wäre das Klaus-Wowereit-Zitat `Ich bin schwul und das ist auch gut so.´ einzufügen


Sprecher 1:

Inzwischen regieren Bürgermeister, deren first `Lady´ ein Mann ist, die beiden größten Städte der Bundesrepublik und tun offen schwule Männer Dienst in der Bundeswehr. Subversion als Mittel, gegen gesellschaftliche Verhältnisse anzukämpfen, hat scheinbar ausgedient.



Sprecher 2:

Bleiben die Tunten - Männer, die Klischees über Schwule durch Übersteigerungen karikieren. Die Fähigkeit, sich Freiräume zu erobern, in denen so etwas wie Narrenfreiheit in puncto Verhalten herrscht, wurde seit jeher von tuntigen Schwulen kultiviert. Wenn es darum geht, gängige Normen und Werte durch Persiflierung zu hinterfragen, dann sind es vor allem sie, die immer wieder Anstoß dazu geben, gängige Frauen- und Männerbilder zu hinterfragen.

Dies liegt einigen von ihnen im Blut, ohne dass sie sich darüber Gedanken machen; Andere, wie die Berliner Szene-Größe Gloria Viagra, hinter der ein linker schwuler Mann steht, genießen bewusst ihre Angriffe auf die klassischen Geschlechterrollen und stellen so immer wieder das bipolare Mann-Frau-Schema in Frage:


9. O-Ton Viagra

Die große Stärke der Tunten war und ist der Hang zur Selbstironie. Die können anders mit dem, was sie als Person sind, und dem, was sie darstellen, umgehen als `normale´ -sag ich jetzt einmal- Männer und Frauen.

Bei Transen und Tunten gibt es eine Spannbreite, die so vielfältig ist, wie es einzelne Tunten und Transen gibt: Die reicht vom Berliner Trash-Tuntentum, wo ich eigentlich herkomme und die noch einmal eine Ironie der Damendarstellung selber bilden und damit auch eine politische Haltung einnehmen bis zu den typischen Cabaret-, Glamour- oder Showtransen ... - Was dann aber irgendwann nur noch bedeutet

`Federn und Pailletten´, die Leute unterhalten und mit einer bestimmten Grundhaltung nichts mehr zu tun hat oder irgendetwas in Frage stellt. Das ist eben einfach überhaupt nicht mehr politisch.

Vielleicht ist die Form der Showtranse einfach veraltet, überholt.


Sprecher 1:

Zu Zeiten, in denen die Fundamente sozialer Sicherung in der Bundesrepublik erschüttert werden, sehnen sich viele Menschen nach gefestigten Normen und Werten. Daher wollen die wenigsten grundlegende Rollenverteilungen persifliert oder gar nachhaltig in Frage gestellt sehen. Es verwundert kaum, dass heterosexuelle als auch schwule Männer bei härterem wirtschaftlichem Wettbewerb das Zulassen vermeintlich femininer Eigenschaften lieber vermeiden.

Nicht zuletzt deshalb wird Tunten und Showtransen von politisch konservativen Schwulen häufig der vermeintlich durch sie verursachte Imageschaden vorgeworfen, der ihrer Ansicht nach mit dem Unterstreichen landläufiger Klischees über homosexuelle Männer entsteht; Gleichzeitig wird von linker Seite kritisiert, dass Glamourtunten genau genommen überzeichnete Idealbilder heterosexueller Machomänner verkörpern und somit ein längst überholtes Frauenbild persiflieren.

Viel Feind, viel Ehr´ für die Tunten ?


Sprecher 2:

Als Drag Queen, die auf vielen Veranstaltungen vor allem ein schwules Publikum unterhält, versucht Gloria Viagra häufig, gegen eingefahrene Vorurteile in bezug auf Tunten anzugehen. Hierbei wird sie jedoch immer wieder damit konfrontiert, dass das Publikum von ihr erwartet, Klischees zu bedienen.

Es mag seltsam anmuten, dass gerade homosexuelle Männer Stereotype bekräftigt sehen wollen. Erklären lässt sich dies allenfalls damit, dass die Bestätigung von Klischees das eigene Selbstbild zu stützen

vermag, selbst wenn diese Vorurteile mehr schaden als nutzen.

Gloria Viagra, die auch als Djane in Diskotheken arbeitet, kommt nach eigenem Bekunden mit dieser Erwartungshaltung großer Teile ihres Publikums nicht gut zurecht. Sie sieht sich in einer gewissen Verantwortung, ungute Einstellungen durch ihre Arbeit nicht noch zu verstärken:


11. O-Ton Viagra

Ich habe einige Ideen für eine eigene Show, die natürlich eine politische wäre und Spaß und Politik miteinander verbindet. Aber ich merke, dass man da ganz schnell an die Grenzen stößt, was die Leute hören wollen oder inwieweit es genehm ist. Bis zu einer gewissen Stelle ist es ja gewünscht aber es stößt dann auch sehr schnell an die Grenzen, wo es den Leuten zu viel wird. Die Leute müssten sich dann selber

hinterfragen, auch an ihre Grenzen stoßen und wollen daher eher mit

Schenkelklopfern und sonst was abgespeist werden, weil sich so etwas einfach besser verkaufen lässt.

Ich merke, dass mir damit Grenzen gesetzt werden - z.B. letztes Jahr beim schwul-lesbischen Straßenfest sollte ich die Moderation dann nicht mehr machen, weil ich eben zu politisch bin ... . Wo man dann tatsächlich ausgeschlossen wird.

Insofern muss ich eben meinen Unterhalt mit Plattenauflegen verdienen statt mit dem, was ich eigentlich will.


Sprecher 1:

Schwule Männer sind eine durch ihre sexuelle Orientierung definierte Minderheit. Dadurch, dass Minderheiten sich oft an Mehrheiten reiben, konnte es passieren, dass das Verhalten der heterosexuellen Majorität sich im Laufe der Jahre von schwulen Besonderheiten beeinflussen ließ.


Sprecher 2:

Die traditionell immer schon freizügigere Art homosexueller Männer findet außerhalb der schwulen Subkultur zunehmend Nachahmer - Begriffe wie `cruisen´ oder `darkroom´, die noch bis vor einem Jahrzehnt fast nur in reinen Männerkreisen gebräuchlich waren, beflügeln zunehmend die Phantasien auch gemischtgeschlechtlicher Paare.

Filmemacher Jochen Hick über schwule Männer als Vorreiter:


12. O-Ton Hick

Die Schwulen haben sehr zum sexuellen Leben und zur sexuellen Aufklärung beigetragen, auch weil sie nicht so sehr unter dem Ehe-Verdikt leiden. So dass sie hier durchaus auch eine Vorreiterrolle haben können - Könnten vielleicht eher, denn man sieht ja, was die Deutschen daraus gemacht haben: Sie wollten ja unbedingt die `Homo-Ehe´, per-se `Ehe´, einführen, welches die Franzosen ja nicht so gemacht haben - Dort gibt es z.B. das Partnerschaftsgesetz. Es wird also nicht alles wahrgenommen, was wahrgenommen werden könnte.


Dann gibt es noch die Dinge, wie sich Männer als sexuelle und als körperliche Wesen sehen - Das ist schon sehr durch Schwule bestimmt gewesen. Und wie man mit gewissen Unterdrückungsmechanismen in der Gesellschaft umgeht.


Ich vertrete die Meinung, dass Schwule immer eine Minderheit bleiben und auch nie so `normal´ sein können, wie die Mehrheit, weil für die Mehrheit `Normalität´ eben Mehrheit bedeutet.


Sprecher 1:

Dessen ungeachtet gleicht sich die heterosexuelle Mehrheit in ihrem Verhalten der homosexuellen Minorität immer weiter an: Soziologen sprechen neuerdings gar von einer `Homosexualisierung´ allgemeiner Lebensstile.

Damit ist die Übernahme von Verhaltensweisen gemeint, die früher hauptsächlich schwulen Männern, weniger lesbischen Frauen und vielleicht noch einigen heterosexuellen Dandys zugeschrieben wurden:

Man lebt mehr oder weniger freiwillig alleine, hat keine Kinder, unterhält nur noch wenige Bindungen an die Familie und verwirklicht sich selbst.


Atmo: Straßenfest

liegt unter


Zitator:

Heutzutage ist mir vieles zu beliebig. Wenn etwa der regierende Bürgermeister von Berlin sich outet, ist das seine Sache. Wenn er aber beim Christopher Street Day demonstrativ auf dem ersten Wagen mitfährt, ohne dafür zu sorgen, dass in Berlin auch mal etwas anderes geschieht, nämlich ein Fest für die Familien, dann halte ich das für falsch. Hier wird missverstandene Toleranz und Akzeptanz ja bald zum Pflichtprogramm. Auch die Homo-Ehe halte ich in diesem Zusammenhang für nicht richtig, weil sie die Familie als Verantwortungsgemeinschaft von Eltern und ihren Kindern untergräbt.

Jörg Schönbohm, Innenminister Brandenburg, CDU.


Sprecher 2:

Wo es vor einigen Jahrzehnten für die Gesellschaft noch nicht von

Belang war, ob 3 % der Bevölkerung -Schwule und Lesben- keine oder nur selten Kinder hatten, so ist für die Bundesrepublik mittlerweile die de- facto-Übernahme des homosexuellen Lebensstils durch immer breitere Bevölkerungskreise zu einem großen Problem geworden. Die demographische Entwicklung verdeutlicht, dass der unausgesprochene alte Pakt nicht mehr gilt, der Schwule und Lesben aus der Mitte der Gesellschaft verbannte, in der dann aber -heterosexuell organisiert- auch für ausreichend Nachwuchs gesorgt wurde.


Sprecher 1:

Noch wird Schwulen und Lesben ihre überwiegende Kinderlosigkeit

politisch nicht zum Vorwurf gemacht. Dies wäre, wo sie in Adoptionsrecht und künstlicher Befruchtung nach wie vor diskriminiert werden, auch nicht redlich. Zudem ist nicht ausgemacht, ob eine vergreiste Gesellschaft zwangsläufig auch eine unglückliche Gesellschaft sein muss.

Dennoch ist es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis die political correctness in der Kinderfrage aufgegeben und homosexuellen Männern wie Frauen ihr einziges biologisches Manko zum Vorwurf gemacht werden wird.

Jochen Hick plädiert auch in anderen Fragen gegen überzogene Rück-sichtnahme und Tabuisierungen in öffentlichen Auseinandersetzungen:


13. O-Ton Hick

Die political correctness ist fast das Schlimmste, das `den Schwulen´ passieren kann. Sie ist relativ weit fortgeschritten und geht so weit, dass Redakteure in Fernsehanstalten schwule Regisseure fragen `Aber könnte das nicht irgendwie als Angriff oder Diskriminierung von Schwulen gesehen werden ?´ und sich darüber unheimlich viele Gedanken machen. Das ist aber insofern wieder verlogen, weil dies dann oft eher noch als Ablehnungsgrund von irgendwelchen Projekten hergenommen wird.


Je stärker die political correctness, desto stärker ist auch die Schattenseite davon: Leute, die dann in privatem Rahmen sehr aggressiv auf Schwule sind. Ich habe ja den Film `Ich kenn´ keinen - Allein unter Heteros´ gemacht, wo man genau sehen kann, dass abseits von den großen Medienbetrieben und abseits der Großstädte, wo man gewisse Dinge überhaupt nicht sagen kann -denn dann wär´s sofort in den Medien oder die Leute würden mit dem Finger auf einen zeigen- sehr wohl noch so viele unkorrekte Aussagen sind, dass man eigentlich erwarten könnte, dass es diese auch in den Großstädten gibt, nur eben die Leute dort sich´s gerade noch nicht trauen. Und ich glaube, sobald da mal etwas passiert, sind die Leute ganz glücklich, wenn sie ihre Wut wieder an den Schwulen auslassen können.


Sprecher 1:

In den elektronischen Massenmedien hat sich die Darstellung von Homosexualität und homosexuellen Männern in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Sowohl vor als auch hinter der Kamera bzw. dem Mikrofon fanden Veränderungen statt: Noch vor 25 Jahren wurden Schwule überwiegend als Bürgerschrecks in Szene gesetzt; wurden Zuschauer oder Zuhörer in diesem Zusammenhang mit lauten Filmemachern oder schrillen Künstlern konfrontiert.

Heute treffen die Medienkonsumenten auf zahlreiche scheinbar weichgespülte schwule Bürgerlieblinge - Schlagersänger, Komiker oder Showtransen.

Medienaktrice Gloria Viagra:


14. O-Ton Viagra

Inzwischen hat ja selbst die Werbeindustrie die Transen als Sympathieträger entdeckt ... . Das ist alles kein Unding mehr heutzutage. Vielleicht ist es ein Zeichen von Normalität, aber ob es ein Fortschritt ist, ist halt wirklich die Frage.

Auf der anderen Seite gibt´s Leute, wie diese ganzen Comedians im Privatfernsehen - Die verstoßen absichtlich gegen die political correctness und machen derbe Scherze auf Kosten von Minderheiten. Das ist traurig, aber anscheinend wollen die Leute so etwas sehen. Es ist halt salonfähig oder ein Quotenbringer.

Das Problem bei der political correctness ist, dass sie einerseits überstrapaziert wird, also mit ihr Widersprüche sozusagen zugespachtelt werden - Auf der anderen Seite sind Minderheiten, wie Schwule und Lesben, darauf angewiesen; Weil es auch bestimmte Tabus gibt, die es nicht zu brechen gilt.


Sprecher 2:

Das Fernsehen behauptet sich nach wie vor als das wichtigste

elektronische Massenmedium in Deutschland. Daher ist es auch heute nicht unerheblich, wie Homosexualität in TV-Sendungen dargestellt wird,

sei es innerhalb erfundener Handlungen oder in Form von Dokumentationen.

Jochen Hick, der einige seiner Kinofilme durch das Fernsehen koproduzieren ließ, über Schwule im Fernsehen:


15. O-Ton Hick

Schwule kommen mittlerweile in sehr vielen Sendungen vor, nach wie vor

aber mehr am Rande. Lustigerweise sind sie ja doch nie Hauptfiguren - Oder kann sich jemand erinnern, um 19 Uhr 30 im ZDF oder um 20 Uhr 15 in der ARD ein Fernsehspiel mit den Hauptfiguren, einem schwulen Paar gesehen zu haben ?


Das kommt daher, dass man sieht: Es gibt einen gewissen Markt an schwulen Zuschauern und die haben natürlich nicht immer Lust, Filme zu sehen, die mit dem kleinsten Budget gemacht werden -Denn, wenn einer mit einem schwulen Script ankommt, dann gibt es nun mal kein Geld in diesem Land- und die Lust haben, Stars und teures Kino mit schwulen Figuren zu sehen; Die dann aber oft überhaupt nicht mehr den Unterschied wahrnehmen zwischen originären Sachen und anderen, weil ja ohnehin heutzutage der Unterschied nicht mehr gesehen wird: Weil a) die Formen teilweise ein bisschen verschwimmen und b) eigentlich gar nicht so viel Wert auf Authentizität gelegt wird.


Sprecher 1:

Jochen Hick hat durch seine besonders in den USA sehr erfolgreichen Filme `Via Appia´ und `No one sleeps´ Erfahrungen mit der kompromisslosen Darstellung männlicher Homosexualität in Mainstream-Medien gesammelt.

Hierbei musste er damit umzugehen lernen, dass ein Publikum, hetero- aber auch homosexuell, welches bei Filmen ganz überwiegend an das `Frau trifft Mann´-Schema gewöhnt ist, auf `Mann kämpft um Mann´-Geschichten zum Teil verstört reagiert. Sind Filme dieser Art als Provokation einzuordnen, als Zumutung für die Zuschauer ?


16. O-Ton Hick

Ich denke nicht, dass ich sehr aggressiv in meinen Sachen bin. Es ist vielmehr so, dass sehr viele Heterosexuelle manche Dinge gleich als super-aggressiv ansehen. Bei `No one sleeps´ ist ja nicht wirklich eine Sexszene und man sieht eigentlich auch nicht eine real passierende Gewaltszene in dem ganzen Film - Aber trotzdem mag es natürlich für ein heterosexuelles Publikum eine ganze Lawine an Phantasien lostreten. Ein Publikum, das gleichzeitig permanent auf VOX oder auf RTL2 viel brutalere oder sexuell explizitere Filme sieht. Extrem explizitere: Also jede kleinste hetero-sexuelle Pornoreklame, die auf VOX läuft -`Ruf mich an´ oder sonst was- ist sehr viel brutaler als das, was ich mache.


Aber das ist ja gerade das Phänomen: Egal, wie man´s macht - Es wird die Leute immer schockieren. Es wird auch insofern sehr viele Schwule schockieren, weil die ja immer denken, sie werden mit so was -weil es ja so wenige Bilder über Schwule gibt- gleichgesetzt, identifiziert oder sie müssten das jetzt sein; Oder sie müssten sich dafür verteidigen; Es würde etwas von ihnen preisgegeben. Das sind ganz schwierige Mechanismen, mit denen man immer zu kämpfen hat. Es ist alles sehr relativ und man sollte die Kirche im Dorf lassen, was hart ist und was nicht so hart ist.


Sprecher 1:

Naturgemäß hart ist die Auseinandersetzung mit AIDS im Rahmen

von Kino- und TV-Filmen.


Auch zu Beginn des neuen Jahrtausends hat die Krankheit kaum etwas von ihrem Schrecken eingebüßt. Die Lebensqualität vieler Infizierter und Kranker konnte durch Erfolge in der medizinischen Forschung zwar um einiges verbessert werden - AIDS ist jedoch nach wie vor eine tödlich verlaufende Krankheit. Man glaubt es kaum, liest man in schwulen Stadtmagazinen die ganzseitigen Hochglanzanzeigen der Pharmafirmen; Man soll es vermutlich auch nicht glauben, weil eben diese Anzeigen suggerieren, eine HIV-Infektion sei eigentlich gar nicht so schlimm, könne das Leben unter Umständen sogar bereichern. [...]


Sprecher 2:

Angesichts solch scheinbarer Verharmlosungen wirkt es nicht verwunderlich, wenn in den selben Zeitschriften, in denen die Pharma-Riesen für Ihre Pillen werben, schwule Pornofilme lanciert werden, in denen die Darsteller auf Safer sex verzichten, sogenanntes `barebacking´ betreiben. Viele Hersteller derartiger Produkte argumentieren damit, dass der Anblick von Kondomen die Zuschauer stören würde. Der Psychologe Frieder Hentzelt vermutet hingegen, dass durch das Ignorieren der Infektionsgefahr contra-phobische Bedürfnisse der Konsumenten befriedigt werden sollen.


Dieses Beispiel offenbart eine besonders zynische Seite des neoliberalen Kapitalismus - Die Moral ist im Hinblick auf die Gesundheit vieler Menschen in der modernen Gesellschaft auch bei homosexuellen Männern längst individualisiert worden: Jeder trägt für sich selber die Verantwortung - Unwissenheit, Verdrängung oder Unreife gelten nicht als Ausrede.


In den Massenmedien wird AIDS inzwischen immer seltener thematisiert. Filmemacher Jochen Hick setzt die Krankheit mittlerweile ebenfalls eher als Spannungselement in seinen Geschichten ein. Dennoch sieht er die Filmthematik `HIV´ auf absehbare Zeit nicht als erledigt an:


17. O-Ton Hick

Das Thema AIDS ist bestimmt nicht vorbei. Neuerdings gibt es bei AIDS ganz andere Fragen, so z.B.: `Was machen die ganzen Leute, die auf einmal mehr Lebenszeit geschenkt bekommen haben ? Die ursprünglich dachten, sie würden gar nicht mehr so lange leben. Was machen die jetzt eigentlich ? Fangen die wieder an zu arbeiten ? Wie kommen sie zurecht ? Wenn sie Frührentner sind: Was ist das eigentlich für ein Leben ? Wie kommen sie mit ihren Depressionen und dem Nichtstun zurecht ?´


Zusätzlich gibt es dann natürlich noch die Trennung zwischen Positiven und Negativen, die jetzt ganz klar ist: Die einen wollen genau das bleiben und die anderen sind schon das - Das sind ja durchaus soziale Fragen.


Es geht nicht per se um das Thema AIDS, denn das ist immer nur ein Katalysator; Letztendlich geht es um soziale Strukturen: Wie eine Minderheit sich selber formiert und was es dabei für Gesetze gibt. Lustigerweise ist manchmal der Grund, dass gerade von einem heterosexuell bestimmten Fernsehen oder Redakteursgewerbe oft die AIDS-Themen am liebsten genommen werden, damit klar klassifizierbar ist: `Wenn wir etwas über Schwule bringen, dann sind sie gleich krank oder vom Tode bedroht.´



Script Teil I
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