Political correctness und schwule bzw. homosexuelle Männer (Feature-Script)




Feature-Script "Vom Verlust des Besonderen" (Ludwig Kamberlein)
Teil III (letzter)


Sprecher 1:

Während nach 1968 mehrere Generationen homosexueller Männer

herangewachsen und sozialisiert worden sind, fand eine Normalisierung des schwulen Lebens statt. Das bedeutet eine Angleichung an die in der Gesellschaft üblichen Lebensverhältnisse: Auch hier leben die meisten Erwachsenen überwiegend innerhalb ihrer eigenen Altersgruppen. Selbstverständlich gibt es noch die Eltern, die Großeltern, die Tanten und natürlich bildet die Familie nach wie vor eine entscheidende Instanz - Aber viele Bereiche des geselligen Lebens finden in erster Linie unter Gleichaltrigen statt.


Sprecher 2:

Daher sollte das Älterwerden für den schwulen Mann eigentlich

kein größeres Problem darstellen als für den heterosexuellen -

Letzterer gilt um die 50 klassischerweise als `Mann in den besten Jahren´. Dass Frauen dasselbe Gütesiegel im entsprechenden Alter nicht auch für sich beanspruchen können, steht -und dies hat ebenso Tradition- auf einem anderen Blatt geschrieben.

Der Soziologe Michael Bochow über den Herbst des schwulen Lebens:


18. O-Ton Bochow

Es gibt einen spezifischen Jugendkult unter Schwulen. Dieser ist zum Teil

auch angesiedelt im gesellschaftlichen Mainstream. In den letzten 20 Jahren noch verstärkt durch die neuen Medien, das Immer-Weiter-Wuchern von Werbung und die öffentliche Darbietung von Idealtypen; Von Models im Sinne von `so sollen alle Leute aussehen´. Innerhalb dieser Bereiche mögen Schwule manchmal Trendsetter sein - Die Frage ist jedoch, ob sie es wirklich in dem Ausmaß sind, wie sie es in ihrer Selbststilisierung beanspruchen.

Wie auch immer - Den Jugendfetischismus haben `die Schwulen´ weiss Gott nicht erfunden. Um es überspitzt auszudrücken: Jeder Hetero möchte auch lieber mit Claudia Schiffer als mit Mutter Beimer in´s Bett.


Ich sehe es im schwulen Leben nicht so, dass es dort eine `chinesische Mauer´ zwischen den Generationen gibt. Sicher haben es viele ältere Schwule schwer, in bestimmte Orte zu kommen, zu denen sie gerne hingegangen sind als sie jünger waren. Viele wollen dort aber gar nicht mehr hin, weil sie durch diese Phase hindurch sind. Sie haben, genau wie entsprechende Hetero-Männer, andere Netzwerke aufgebaut, die für sie vor allem emotional viel bedeutsamer sind als das Tanzlokal.


Sprecher 1:

Die Jugendkultur, vor allem die Popmusik, fixiert sich in Deutschland

-dem US-amerikanischen Vorbild folgend- auf stark an der Unterschicht orientierte Ausdrucksformen. Gerade Rap-, R&B- und HipHop-Musik sind unter männlichen Jugendlichen sehr beliebt. In deren Texten und Darstellungen in Videoclipps werden patriarchalische Lebensweisen glorifiziert: Wo in den 70er Jahren Glamrocker und in den 80ern androgyne Discosänger das Musikbusiness bestimmten, wetteifern seit den 90er Jahren Rapper mit Gangster-Image auf den Musikkanälen in ihren Texten und Bildern darum, wer von ihnen der härteste Macho ist oder wer bereits am längsten im Gefängnis saß.


Sprecher 1:

Auch wenn der Einfluss der Massenmedien nicht überschätzt werden sollte, bleibt diese erstaunlich langlebige Mode nicht ohne Folgen für Normen und Werte junger Männer in Deutschland, insbesondere solcher aus Migrantenfamilien.


Sprecher 2:

Die Probleme für homosexuelle Männer werden hierdurch nicht geringer. So sehen sich z.B. schwule Schüler in Großstädten mit türkisch- oder arabischstämmigen Mitschülern konfrontiert, für die westlich gelebte Homosexualität völlig inakzeptabel ist und das eigene Selbstbild als Mann ins Wanken bringt.



Sprecher 2:

Der Soziologe Michael Bochow hat sich mit Homosexualität in der islamischen Welt auseinandergesetzt und stellte dabei heraus, dass das Schlimmste für einen Mann in diesem Kulturkreis ist, sich nicht als Mann zu verhalten. Das bedeutet, dass alles Unmännliche -in erster Linie Frauen- sich den richtigen, den aktiven Männern unterzuordnen hat:


19. O-Ton Bochow

In diesem Unterordnungsmodell sind `die Schwulen´ nicht vorgesehen -

So etwas gibt es nicht. Insofern ist eine Kategorie wie `homophob´, die man den Türken oder den Arabern auf´s Auge drückt, zum Teil sehr unpassend, weil sie zu wenig erklärt, was dabei für Vorgänge ablaufen.


Ich setze sehr auf den Integrationswillen bzw. auf den Willen zum beruflichen Erfolg; Und dieser läuft bei jungen Türken nur über Integration. Was man sich auch vor Augen halten muss: Die rückwärtsgewandte Haltung, die auf traditioneller Männlichkeit insistiert, findet man eher bei den `drop outs´ - Unter den 40% der jungen Erwachsenen, die arbeitslos sind; Man wird sie weniger bei beruflich integrierten oder beruflich erfolgreichen jungen Türken finden.


Sprecher 1:

Auf mittlere Sicht besteht die Hoffnung, dass sich auch türkische Familien als dominante Migrantengruppe dem mitteleuropäischen Umgang mit Homosexualität annähern.

Bis dahin sind nach Michael Bochow die deutschstämmigen Schwulen aufgefordert, mit gutem Beispiel voranzugehen und z.B. junge türkische Schwule nachhaltiger zu integrieren. Selbst wenn nach seiner Ansicht die vielbeschworene `gay community´ -die schwule Gemeinschaft- lediglich eine Fiktion ist - Manchmal aber, wie in diesem Fall, eine notwendige Fiktion.


Sprecher 2:

Natürlich gibt es auch unter Migranten junge Schwule. Diese stehen häufig in Konflikt zwischen dem Wunsch an Teilhabe am liberaler gewordenen Umgang mit Homosexualität auf Seiten der deutschen Wohnbevölkerung und des meist sehr repressiven Umgangs mit diesem Thema unter Migranten. Nicht nur, aber eben häufig auch in türkischen Familien.


20. O-Ton Bochow

Schwule Türken haben im Gegensatz zu ihren jugendlichen Mittürken nicht die Möglichkeit des Rückgriffs auf die Familiensolidarität, weil sie als Schwule Außenseiter sind. Sie müssen noch viel vorsichtiger sein als junge schwule Deutsche, weil es besonders stark geahndet wird, als Türke schwul zu sein.


Türken haben in der schwulen Subkultur den Exotenbonus. Dieser ist jedoch ein sehr fragwürdiger Bonus: Sie fühlen sich von Deutschen oft zum Sexualobjekt herabgestuft und beklagen ein mangelndes Verständnis und mangelnde Solidarität, die bezug nimmt auf ihre besonders schwierige soziale Situation als schwuler Türke, der nicht so ohne weiteres mit seiner Familie brechen kann oder will.


Sprecher 1:

Über sehr lange Zeit hinweg wurden homosexuelle Männer in Deutschland unterdrückt. Ihr Außenseitertum kompensierten sie dabei häufig durch übersteigerte Selbstinszenierung. Schon Dannecker und Reiche betitelten 1974 ein Kapitel ihrer Studie über den `gewöhnlichen Homosexuellen´ mit der Feststellung `Aber teuer muss es sein`.

Unter Journalisten wurde es ebenfalls zur liebgewonnenen Gewohnheit, Schwule als besonders wohlsituiert und gebildet zu verklären.


Sprecher 2:

Doch ganz so rosarot sieht ihre Welt auch heute noch nicht aus -

Homosexuelle Männer behaupten sich zu einem großen Teil in verschiedenen Dienstleistungsbereichen, sind daher allenfalls der Mittelschicht zuzurechnen. Und wie es selbstverständlich erfolgreiche und kreativ tätige Schwule gibt, existiert eben so eine Unterschicht bei Männern, die auf Männer stehen.

Nach dem Soziologen Bochow haben es diese Schwulen innerhalb `der Szene´ nicht einfach:


21. O-Ton Bochow

Ein Großteil der `gay community´ besteht aus subkulturellen Orten -

Und Bars, schwule Cafés und Kneipen sind nun einmal keine Arbeiterwohlfahrt. Man muss nur einmal darüber nachdenken, was z.B. Getränke in schwulen Kneipen kosten. Es funktionieren dort also Filter, Geld-Filter, die einen Teil der Unterschichtsschwulen einfach aussondern, weil ihnen diese Welt zu teuer ist. Diese Welt ist nicht ihre Welt. Das hat auch etwas mit Verkehrsformen zu tun: Viele schwule Bars sind in ihren Verkehrsformen auch wiederum mittelschichtsdominiert - Wo eine bestimmte Art zu reden angesagt ist; Übrigens auch eine Art zu reisen und darüber zu erzählen. Auch hiermit können viele schwule Unterschichtsangehörige nicht konkurrieren.


Ich glaube, sie sind in mancher Hinsicht weniger gefährdet, den Lügen des Systems zu glauben und sie haben zum Teil ein viel realistischeres Bewusstsein von `unten´ und `oben´. Realistischer als das vieler klein-bürgerlicher Schwuler, die nach wie vor einen großen Aufstiegswillen haben.


Sprecher 1:

Ausgrenzung erfolgt über Geld und -damit eng verbunden- dem äußeren

Erscheinungsbild.


Atmo: Fitnesscenter

Liegt unter


Zitator:

Schwules Bodystyling und schwule Mode haben in den letzten zehn Jahen einen enormen Testosteronschub erfahren.

Gestern haben Heterosexuelle Homosexuelle diskriminiert.

Heute grenzen sich hedonistische Normalos und Schwule gemeinsam gegenüber Modeverweigerern und sozial schwächeren ab.


Sprecher 1:

Es wird deutlich, dass auch homosexuelle Männer sich untereinander häufig weniger tolerant verhalten als es von Angehörigen derselben Randgruppe anzunehmen wäre. Gloria Viagra, die in den alternativen Schwulenkreisen der Hauptstadt beheimatet ist, über den Konformitätsdruck unter Männern, die Männern gefallen wollen:


22. O-Ton Viagra

Ich denke, dass bei den Schwulen genau so Ausgrenzungsmechanismen vorhanden sind, wie bei den Heten. Da läuft ganz viel über Kleidung und Aussehen. Ich weiß auch aus meiner Vergangenheit, dass Leute, die anders aussehen oder anders gekleidet sind -gerade die linken Schwulen-, ganz schnell von den anderen ausgegrenzt wurden. Daher denke ich, dass der homosexuelle Mainstream tatsächlich teilweise noch extremer und uniformer ist als der heterosexuelle.

Mein Wunsch wäre, dass Schwule genau wie alle anderen Randgruppen und Minderheiten von Natur aus solidarisch miteinander umgehen und von sich aus linker eingestellt sind. Aber dem ist einfach nicht so. Nicht so, wie ich es wahrnehme. Leider. Es ist keine Realität und ich kann nur sagen: Die Schwulen sind genau so blöd wie die Heten.


Sprecher 2:

In einem Internet-Diskussionsforum für Schwule wurde kürzlich die Frage erörtert, ob die Reaktion der Veranstalter einer schwulen Sexparty gegenüber einer Transgender-Frau korrekt war, die an dieser Veranstaltung teilnehmen wollte, jedoch von den Partymachern abgewiesen wurde. Es wurde kolportiert, dass die Veranstalter

befürchteten, die Anwesenheit einer biologischen Frau, die sich als Mann fühlt -als schwuler Mann- könne bei den übrigen Teilnehmern der Sexparty zu einer Ernüchterung führen.

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass es mitunter auch Angehörigen von Minderheiten schwer fällt, mit Exoten in den eigenen Reihen auf die sensibilisierte Weise umzugehen, die sie selber von der Mehrheitsgesellschaft einfordern.


Sprecher 1:

V on einem einheitlichen Bild, dass schwule Männer sich in Sachen

Einkommen, Bildung oder auch Toleranz von der heterosexuellen Bevölkerung abheben, kann also keine Rede sein. Michael Bochow macht dennoch eine Besonderheit der schwulen Subkultur aus, die sie tatsächlich von anderen Subkulturen wie Fußballfans oder Opernliebhabern im positiven Sinne abhebt.

Auch wenn es mit Sport- und Musikfreunden natürlich Schnittmengen gibt:


23. O-Ton Bochow

Es gibt jedoch etwas in der schwulen Welt, das einzigartig ist und was ich sehr positiv definieren würde als Unterschied gegenüber der heterosexuellen Welt: Es gibt viele schwule Orte, an denen sich soziale Schichten in einer Weise mischen, wie es in anderen gesellschaftlichen Bereichen ungewöhnlich ist - Das sind die Darkrooms der Lederkneipen oder die schwulen Saunen oder die `Klappen´, wo manche Schwule sich treffen; Es sind alles Orte, an denen der Generaldirektor auf den Hilfsarbeiter treffen kann.


Sprecher 1:

Die Standortbestimmung schwuler Männer in Deutschland ergibt, dass diese Bevölkerungsgruppe dem sozialen Wandel genau so ausgesetzt ist, wie die Mehrheit der Menschen. Allenfalls kann festgehalten werden, dass wenn sich ein Mann heute als `schwul´ bezeichnet, die Leute hierdurch weniger über ihn und sein Leben zu wissen glauben als noch vor 20 oder erst recht vor 50 Jahren und dass diese Einschätzung zutrifft.


Große Teile der Bevölkerung begrüßen die Integrationsbemühungen der Politik in Hinblick auf homosexuelle Männer und Frauen. Diese scheinen von der fortschreitenden Individualisierung in der Gesellschaft zu profitieren.




Sprecher 2:

Schwule Männer bleiben jedoch nach wie vor eine kleine Minderheit der Bevölkerung, denn die erfreuliche und teilweise hart erkämpfte Liberalisierung der Gesellschaft hat ihren prozentuellen Anteil, anders als von manch konservativem Scharfmacher prognostiziert, mitnichten erhöht.

Heutzutage ist es allenfalls ein gutes Stück einfacher geworden, gegenüber anderen zur eigenen Veranlagung zu stehen - Für die meisten bleibt dies schwierig genug.


Sprecher 1:

Sicher werden auch in Zukunft Eltern enttäuscht sein, wenn der Sohn sich outet, werden manche seiner Weggefährten sich nach diesem Bekenntnis von ihm abwenden, werden in ihrer Männlichkeit verunsicherte Heterosexuelle sich Schwulen gegenüber aggressiv verhalten und manches Frauenherz gebrochen -

Sollte es für alle diese Erschwernisse nicht einen Ausgleich geben, der sie zumindest teilweise wieder aufwiegt ?


Das Besondere im Schwulsein ? Das Andersartige, was homosexuellen Männern seit jeher angedichtet worden war. Ist es ihnen im Sog des Normalisierungsstrudels inzwischen nicht längst abhanden gekommen ?


Sprecher 2:

Das avantgardistische Lebensgefühl; Die Verlockungen einer tabuisierten

Sexualität; Die größere mentale Nähe zu Frauen; Das Überwinden einengender Geschlechterrollen; Das Gemeinschaftsgefühl unter Außenseitern ... .

Sicher wünscht sich niemand die Repressionen gegen Schwule aus früheren Zeiten zurück - Aber muss die Gegenreaktion auf die Unterdrückung homosexueller Männer zwangsläufig in ihrer vollständigen Entzauberung bestehen ?


Sprecher 1:

In letzter Konsequenz würde diese Normalisierung zur Folge haben, schwule Männer lediglich als regenbogenfarbene Zielgruppe für die Wirtschaft wahrzunehmen; Als bewährte Wählerklientel für eine bestimmte politische Partei; Und die vielleicht letzte Hoffnung für die Hochzeitsausstatter.

Vermutlich wird es so kommen und so wird er dann aussehen –


Der Preis für die Normalisierung.


Script Teil I
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